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01 - Nacht der Verzückung

01 - Nacht der Verzückung

Titel: 01 - Nacht der Verzückung Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Mary Balogh
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Landhäuser hätten
mit Leichtigkeit hineingepasst. Aber noch einschüchternder als der Raum war die
Anzahl von Menschen, die sich dort aufhielt. War es möglich, dass irgendeiner
der Hochzeitsgäste bereits abgereist war? Alle waren etwas weniger aufwendig
gekleidet als am Abend zuvor oder am Morgen, aber trotzdem erkannte Lily
plötzlich, dass ihr hoch geschätztes Musselinkleid reichlich gewöhnlich war und
ihre wundervolle Frisur äußerst schlicht. Ganz zu schweigen von ihren Schuhen!
    In der
Stille, die ihrem Eintreten folgte, führte Neville sie zu einer älteren Dame
von herrschaftlicher Haltung mit attraktiv ergrauendem, dunklem Haar. Sie saß
da, in der einen Hand eine zarte Untertasse, in der anderen die Tasse. Sie sah
aus, als wäre sie in ihrer Haltung erstarrt. Ihre Augenbrauen waren vornehm
hochgezogen.
    »Mama«,
sagte Neville und verbeugte sich vor ihr, »darf ich dir Lily, meine Gattin,
vorstellen? Dies ist meine Mutter, Lily, die Gräfin von Kilbourne.« Er atmete
hörbar ein und sagte dann etwas leiser: »Pardon - die Gräfinwitwe von
Kilbourne.«
    Lily
erkannte in ihr die Dame, die am Morgen in der Kirche aufgestanden war und ihn
beim Namen genannt hatte. Sie war seine Mutter. Sie setzte ihre Tasse und Untertasse
ab und erhob sich. Sie war groß.
    »Lily«,
sagte sie lächelnd, »willkommen auf Newbury Abbey, mein Liebes, und in unserer
Familie.« Und sie nahm Lilys Hand und beugte sich vor, um sie auf die Wange zu
küssen.
    Lily
spürte den Hauch eines teuren und exquisiten Parfums. »Ich bin erfreut, Euch
kennen zu lernen«, sagte sie, keineswegs davon überzeugt, dass auch nur eine
von beiden aufrichtig war.
    »Lass
mich dich nun allen anderen vorstellen, Lily«, sagte Neville. Der Raum war
bemerkenswert still. »Oder vielleicht besser nicht. Es könnte etwas zu viel für
dich sein. Vielleicht reicht für den Moment eine allgemeine Vorstellung?« Er
drehte sich um und lächelte in die Runde.
    Doch
die Gräfinwitwe war anderer Meinung und das ließ sie ihn auch wissen. »Aber natürlich
muss Lily jedem vorgestellt werden, Neville«, sagte sie und hakte Lily unter.
»Schließlich ist sie deine Gräfin. Komm, Lily, und lern unsere Familie und
Freunde kennen.«
    Es
folgte ein verwirrendes Zwischenspiel, das Lily wie Stunden vorkam, obgleich es
wohl kaum länger als eine Viertelstunde dauerte. Sie wurde dem silberhaarigen
Gentleman und der Dame mit den zahlreichen Ringen vorgestellt, die sie gestern
Abend in der Eingangshalle gesehen hatte, und erfuhr, dass es sich um den
Herzog und die Herzogin von Anburey handelte, den Bruder der Gräfinwitwe und
ihre Schwägerin. Sie wurde deren Sohn vorgestellt, dem Marquis von irgendeinem
furchtbar langen Namen. Und dann wurde sie nur noch zahlloser Gesichter gewahr,
die alle zu Menschen mit Vornamen und Nachnamen und - allzuoft -
auch mit Titeln gehörten. Einige waren Tanten oder Onkel. Einige waren Cousinen
oder Cousins - ersten oder zweiten Grades oder auch weiter entfernt.
Einige waren Freunde der Familie oder besondere Freunde ihres Gatten oder die
Freunde jemandes anderen. Einige von ihnen neigten den Kopf. Einige der
jüngeren Leute verbeugten sich oder machten einen Hofknicks. Die meisten
lächelten; einige nicht. Und zu viele von ihnen sprachen sie an; ihr fiel als
Antwort nichts anderes ein, als dass sie erfreut war, sie alle kennen zu
lernen.
    »Arme
Lily. Du siehst völlig mitgenommen aus«, sagte die Dame hinter dem Teetablett,
als Lily und die Gräfinwitwe endlich bei ihr angelangt waren. »Jetzt ist es
genug, Clara. Komm und setz dich hier auf den freien Stuhl, Lily, und nimm eine
Tasse Tee und ein Sandwich. Ich bin Elizabeth. Ich weiß, das ist nicht der
erste Name, den du heute hörst, und es spielt auch wirklich keine Rolle, wenn
du es wieder vergessen haben solltest, wenn wir uns das nächste Mal begegnen.
Wir müssen uns nur einen Namen merken und du dir gleich ein ganzes Heer.
Irgendwann wirst du uns schon alle einsortieren können. Hier, meine Liebe.«
    Während
sie sprach, hatte sie eine Tasse Tee eingeschüttet und reichte sie jetzt Lily,
zusammen mit einem Tablett winziger Sandwiches, von denen die Krusten entfernt
worden waren. Lily war nicht hungrig, aber sie wollte nicht ablehnen. Sie nahm
ein Sandwich und stellte dann fest, dass sie, wenn sie trinken wollte, was sie
liebend gern getan hätte, zuerst das Sandwich aufessen musste, um eine Hand für
die Tasse frei, zu haben. Das Porzellan war so fein und zerbrechlich, dass

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