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02 Die Kinder der Rothschildallee

02 Die Kinder der Rothschildallee

Titel: 02 Die Kinder der Rothschildallee Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefanie Zweig
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jene Juden, die immer noch auf Deutschlands Einsicht aus Gründen der politischen Klugheit setzten, obwohl sie ihr Vaterland offiziell zu Bürgern zweiter Klasse deklariert hatte, atmeten im Winter 1936 auf. Jeden Scheinbeweis, dass Deutschland ein Staat mit ausgeprägtem Bewusstsein für Recht und Unrecht war, werteten sie als einen persönlichen Pluspunkt, und mit staunenswerter Hartnäckigkeit verdrängten sie, was bereits geschehen war.
    Johann Isidor hingegen, der ein Leben lang nicht von seinen vaterländischen Illusionen hatte lassen wollen, hatte ein Gedächtnis entwickelt, das nichts mehr beschönigte. Dieses Gedächtnis tilgte weder Angst noch Enttäuschung und schon gar nicht die Demütigung vom Boykotttag. Am 1.April 1933 war Johann Isidor Sternbergs Zuversicht gestorben, seine Frau wäre bei seinem Tod für ihr Leben versorgt und seine Kinder und Enkel dürften das ernten, was er gesät hatte.
    »Soll ich vergessen, dass mir Pius Ehrlich meine Geschäfte gestohlen hat und die Nazis mir meine Würde und meinen Stolz genommen haben, nur weil ich, bis die olympische Fackel erlöscht, in der Günthersburgallee auf einer Bank sitzen und mir den Hintern abfrieren darf? Und soll ich Anna, der ich seit Monaten klarzumachen versuche, dass es gefährlich für sie werden kann, wenn sie länger bei uns wohnt, soll ich diesem Unschuldslamm sagen: ›Das ist alles nicht so gemeint gewesen, meine Tochter. Dein greiser Vater hat sich getäuscht. Hitler ist doch ein ganz netter Kerl. Er lässt sogar jüdische Sportler aus dem Ausland ins Land, wenn sie bei seiner Olympiade mitmachen wollen.‹ Sie müssen nur brav den Arm heben und Heil Hitler schreien, und du wirst sehen, das werden sie auch tun. Im Sommer sind mehr von unseren Leuten dabei als jetzt.«
    »Mein Gott, Vater, ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du derjenige sein würdest, mit dem ich in diesem verfluchten Land noch reden kann.«
    »Nicht verflucht, Erwin, zum Untergang verdammt ist es. Aber das werde ich nicht mehr erleben. Und vielleicht noch nicht mal du.«
    »Ich bewundere dich. Du hast es fertiggebracht, mit fünfundsiebzig Jahren alles über Bord zu werfen, an was du je geglaubt hast. Und jetzt erklär mir mal, warum du plötzlich Angst um unsere Anna hast.«
    »Nicht plötzlich, Erwin. Von Anfang an und seit den Nürnberger Gesetzen erst recht. Von Anna weiß niemand, dass sie einen jüdischen Vater hat. Die Vaterschaft ist nirgends vermerkt worden. Doch sie lebt in einer rein jüdischen Familie, und das bedeutet heute Rassenschande. Wenn nicht mit mir, der ich altersmäßig nicht mehr infrage für Verführung und Vergewaltigung komme, dann vielleicht mit dir. Nach den Kriterien der Nazis dürstest du Tag für Tag nach unschuldigem, jungem Christenblut.«
    »Mein Gott, das hab ich mir nie überlegt. Wie dumm kann ein Mensch sein? Dumm und blind.«
    Anna kannte das Wort Rassenschande nicht. Auch als Erwin ihr die Bedeutung genau erklärte, weigerte sie sich, die Infamie auf sich zu beziehen. War es die Rebellion einer Widerspenstigen, war es Unschuld, oder war es die Loyalität zu der Familie, die sie aufgenommen hatte und die sie als die eigene empfand? »Ich würde mich schämen, jetzt hier wegzugehen, wo das Leben doch so anders geworden ist«, sagte sie, wann immer die Rede auf einen nicht mehr aufschiebbaren Umzug kam. »Ich käme mir vor wie eine Ratte auf einem sinkenden Schiff.«
    Ihr Vater war ratlos, ihr Bruder außer sich. Clara keifte, Anna »sei dümmer als die Polizei erlaubt«. Betsy nannte Clara die hartherzigste »meiner egoistischen Töchter« und tröstete Anna. Selbst Alice mischte sich ein und riet ihr, »nicht aus Prinzip zu bocken«.
    Erst ein Vorfall, der vor dem Frankfurter Schöffengericht verhandelt wurde und über den das »Frankfurter Volksblatt« ausführlich berichtete, veränderte Annas Blick auf die eigene Person und auf die Zeit, in der sie lebte. Ein jüdischer Mann, siebenundfünfzig Jahre alt, war wegen Körperverletzung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Laut Anklage war er nach einem Synagogenbesuch auf die Mädchen einer »zufällig« vorbeikommenden BDM-Kolonne gestoßen und hätte eine von ihnen geboxt. Der Richter hatte im Urteil »den Hochmut des jüdischen Volkes« gegeißelt, »das sich ja bekanntlich für auserwählt hält«.
    Erwin, aufgebracht wie sonst nie, bleich und mit zornflammenden Augen, hatte Anna von der Posamenterie abgeholt, das »Volksblatt« in der Hand. Mit großen

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