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02 Die Kinder der Rothschildallee

02 Die Kinder der Rothschildallee

Titel: 02 Die Kinder der Rothschildallee Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefanie Zweig
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die Alte Brücke. So war Anna an dem Aprilnachmittag gekommen, als ihr Vater sie in die Rothschildallee geholt hatte. Und so ging sie wieder. Die Szenerie hatte sich nur unwesentlich verändert. Es gab mehr Autos und Fahrräder auf der Straße als im Kriegsjahr 1917 und keine einbeinigen Männer in feldgrauer Uniform, die sich auf roh gezimmerte Krücken stützten und aus gestorbenen Augen in die sterbende Welt blickten. Nun sang eine Rotte Jungen in brauner Uniform die lauten Lieder der braunen Herren. Die Schwäne aber dümpelten auf dem Wasser, als sei nur ein einziger Tag und keine neunzehn Jahre vergangen, die Möwen kreischten auf den gleichen Pfählen, und auf einem mit Kohle beladenen Kahn wehte eine weiße Männerunterhose im Wind. Ein kleiner weißer Hund bellte. Wie damals. Erinnerte sich Anna an das kleine Mädchen, das sie gewesen war? An der Hand ihres Vaters war sie über den Main gelaufen – sie hatte ihn, wie von der Mutter bei seinen Besuchen im Haus immer wieder aufs Neue befohlen, »Onkel Johann« genannt. Er war jedes Mal zusammengezuckt, denn er hatte sich Betsys Gesicht vorgestellt, wenn Anna das nun in der Rothschildallee sagte.
    Ein verängstigtes Geschöpf war die achtjährige Anna gewesen, die Beine zu kurz, um mit dem Leben Schritt zu halten. Sie hatte ein schwarzrot kariertes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen angehabt. Johann Isidor erinnerte sich so deutlich an diesen Tag des Beginns, als hätte er jede Szene fotografiert und jedes Wort, das sie gesprochen hatten, niedergeschrieben. Die Puppe im blauen Samtmantel fiel ihm ein. Er hatte sie für Anna in Paris gekauft, und die fremde Tochter hatte ihr alle Ängste ins Ohr geflüstert, die ein Kind beim Aufbruch in eine neue Umgebung hat. Die gleiche Puppe, auch mit blauem Samtmantel und blondem Feenhaar, hatte der Vater Victoria mitgebracht, denn sie und Anna waren ja gleichaltrig, und er hatte immer darauf geachtet, dass sein Herz keine der beiden Töchter bevorzugte. Auch wenn sie nichts voneinander wussten. An seinem Schicksalstag hatte er dann schon auf der Mainbrücke gewusst, dass seine Frau nicht mehr als einen Blick benötigen würde, um zu begreifen, dass ihr moralisch integrer Gatte, der kein Pardon kannte, wenn seine Kinder gegen Normen und Gebote verstießen, sie betrogen hatte, und das jahrelang. »Die gleiche Puppe«, murmelte er.
    »Ja, die gleiche Puppe«, lachte Anna, »meine hieß Marie und wurde immer von Vickys Madeleine verhauen.«
    »Und du hast Victoria nicht verhauen?«
    »Wo denkst du hin? Sie war viel zu schön zum Hauen.«
    »Schade, es hätte ihr gutgetan. Vielleicht hätte es Fritz heute leichter, wenn ihr jemand beizeiten den Hintern versohlt hätte.«
    Sie liefen so langsam, wie es ihre Füße zuließen, denn sie fürchteten das Ziel und wollten lange unterwegs sein. Zu bewusst war ihnen, dass jede Ankunft eine Endgültigkeit ist und dass jeder Wandel ein Stück von uns sterben lässt. Endlich bogen sie in die Textorstraße ein. »Man spricht noch Deutsch hier«, versuchte Johann Isidor, den Schmerz mit dem alten Scherz zu lindern. »Sachsenhausen ist ja nicht aus der Welt, obgleich das die Leute auf der Frankfurter Seite immer behaupten. Übrigens ich früher auch. Ehe ich deine Mutter so oft besuchte. Wir gingen, wenn ich mich traute, auf der Forsthausstraße spazieren, im Frühling blühten die Bäume nur für uns.«
    »Armer Vater. Hattest du niemand, dem du dich anvertrauen konntest?«
    »Nein. Manche Ereignisse im Leben kann man auch nur mit sich selbst besprechen.«
    Auf einer Litfaßsäule klebte in bunten, gefälligen Farben ein großes Bild. Es stellte die ideale deutsche Familie dar und warb für Kinderreichtum und Elternseligkeit. Am üppig gedeckten Küchentisch saßen Vater, Mutter, acht Kinder und ein fröhlicher Säugling. Die Mädchen waren alle semmelblond und hatten stramm gebundene Zöpfe, die Jungen trugen Lederhosen und schneeweiße Hemden. Auch mit dem Suppenlöffel in der Hand sahen sie wie kleine Helden aus. Ganz nach dem Herz ihres Führers – hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde. In dicker Frakturschrift stand das Bildmotto: »Wir wollen eine starke Volksgemeinschaft schaffen, die in einer starken deutschen Familie wurzelt.«
    »Eine arische Familie«, ergänzte Johann Isidor, »das haben sie vergessen zu sagen. Mit vier rassenreinen arischen Großeltern und notariell beglaubigtem Stammbaum.« Er seufzte in sein Taschentuch. Nach einer Weile sagte er –

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