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02 Die Kinder der Rothschildallee

02 Die Kinder der Rothschildallee

Titel: 02 Die Kinder der Rothschildallee Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stefanie Zweig
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sehr viel lauter, als er beabsichtigt hatte, und für Anna irritierend unvermittelt: »Ich bin heilfroh, dass du keinen Freund hast. Das würde alles noch viel komplizierter machen. Mit Männerbesuch ist es ja schwierig, wenn man zur Untermiete wohnen muss. Die Wirtinnen nehmen sich da ganz schön was raus. Das höre ich immer bei der Nazihexe im Parterre, wenn sie gegen die bedauernswerte graue Maus loskeift, die seit einem Jahr bei ihr wohnt. Mir wäre der Gedanke furchtbar, dass Frau Wallerstadt dich wegen einem fremden Mann schikanieren könnte.«
    »Mir erst recht«, entgegnete Anna. »Ich habe nämlich einen Freund. So ganz fremd ist er allerdings nicht. Wenigstens nicht mir.« Es war das erste Mal, dass sie lächelte an diesem Tag, der trotz aller trostreichen Beteuerungen, man könne sich so oft sehen, wie man nur wolle, alle Wärme aus ihrem Körper presste. »Wir kennen uns schon eine ganze Weile.«
    »Donnerwetter! Stilles Wasser. Warum hast du uns das nie erzählt? Sind Eltern heute nur noch Statisten, an die ja keiner das Wort richtet?«
    »Ich wollte Erwin nicht die Freude verderben, mich Jungfer Anna zu nennen. Er sollte ruhig weiter darüber rätseln, ob Männer sich nichts aus mir machen oder ich mir nichts aus ihnen. Nein, das meine ich wahrhaftig nicht ernst. Kein bisschen. Ich wusste nur nicht, wie ich es euch beibringen sollte, dass ich meine freie Zeit mit einem gewissen Hans Dietz aus Offenbach verbringe, denn erstens ist er geschieden und zweitens nur ein einfacher Drucker. Im Übrigen wohnt er nicht zur Untermiete. Wir sind also nicht auf Frau Wallerstadts Entgegenkommen angewiesen. Oder dass sie das Haus verlässt, wenn wir nebeneinander auf dem Sofa sitzen wollen.«
    »Für die Formulierung ›nur ein einfacher Drucker‹ verdienst du die erste Ohrfeige deines Lebens, meine Tochter. Dein Vater ist auch kein Akademiker und wahrhaftig nicht aus einer Familie, die man fein zu nennen pflegt. Mein Vater war, wie du weißt, Viehhändler in Oberhessen. Wenn es ihm gut geschmeckt hat, hat er sein Messer abgeleckt, und in seinem ganzen Leben hat er nur in einem einzigen Buch gelesen. In seinem Gebetbuch.«
    »Ich hab es einfach nicht über mich gebracht, mit euch zu reden. Nach dem Desaster von damals. Du weißt schon, was ich meine.«
    »Und was geschieden betrifft«, fuhr Johann Isidor fort, »ich dachte, du hättest in all den Jahren, die wir zusammen sein durften, doch irgendwann mitbekommen, dass wir nicht katholisch sind. Unser Gott sieht ein, dass der Mensch sich irren kann, besonders in der Ehe. Er verzeiht so manches, gelegentlich sogar die Seitensprünge ehrbarer Familienväter, und er gestattet Scheidungen, wenn er sie auch wahrscheinlich nicht gutheißt. Aber wirklich wichtig ist nur eins im Leben, Anna. Dass man denen vertraut, die man liebt.«
    »Es tut mir leid. Ich bin ein selten dummes Ross. Ich hatte Angst, mit euch zu sprechen.«
    »Nur dumm reicht. Die Pferde lassen wir im Stall. Und schon gar nicht wollen wir uns an der Tür streiten, die uns gleich trennen wird. Komm uns sobald besuchen, wie du kannst, Tochter. Aber komm erst, wenn es dunkel ist. Wir sollten beizeiten üben, uns dem Schutz der Nacht anzuvertrauen. Wer weiß, wann wir ihn tatsächlich brauchen. Und falls Herr Dietz sich nicht vor Juden ekelt, was ja heute für einen vaterlandstreuen Deutschen so selbstverständlich ist wie das Zähneputzen und der Segensspruch für den Führer, könnte er dich vielleicht begleiten.«
    »Er ekelt sich vor ganz anderen Leuten, Vater. Er hat vierzehn Monate in Dachau gesessen. Sein Bruder Dieter ist immer noch dort. Hans und Dieter haben für eine Widerstandsbewegung die Pamphlete gegen die Nazis gedruckt und sind denunziert worden. Bei einer Hausdurchsuchung sind sie den Nazis ins Netz gegangen. Samt den Pamphleten.«
    »Gott schütze dich. Und ihn. Auch wenn du alle Schlüssel behältst, schell drei Mal an der Haustür, wenn ihr davorsteht. Heutzutage sind es ja nicht immer nur Freunde, die gerade zu Besuch sind.«
    »Wie meinst du das?«
    »Frag deinen Hans. Er hat es ja leider erlebt.«
    Bei Sternbergs wurde Annas Umzug in die Textorstraße eine die Zeit bestimmende Einheit. »Das Kirschkompott habe ich noch zusammen mit Anna gekocht«, sagte beispielsweise Josepha, oder: »Als Anna die grüne Tischdecke gestopft hat, haben wir das Usambaraveilchen von Frau Zuckermann bekommen.« Mit trauerndem Seufzer stellte auch Frau Betsy fest: »Das letzte Mal, als wir das

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