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06 - Weihnacht

06 - Weihnacht

Titel: 06 - Weihnacht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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frommen Dame, welche mir schon öfters abgekauft hat. Es ist die Frau des Pelzjägers, welcher schon seit einer Reihe von Monaten zurückerwartet wird und nicht kommt. Ihr Sohn, welcher bei ihr wohnt, ist Lawyer, nimmt aber keine Stelle an.“
    „Ah, Sie meinen Frau Hiller?“
    „Ja, Hiller ist ihr Name; ich besinne mich jetzt. Als ich zum letztenmal bei ihr war, las sie mir ein Weihnachtsgedicht vor, und dies gefiel mir so, daß ich sie bat, es mir abschreiben zu dürfen. Ich habe es drucken lassen und verkaufe es nun.“
    „Welches ist es?“
    „Gleich das erste.“
    „Also das mit der Überschrift: Weihnachtslust am Kindleinstall zu Bethlehem?“
    „Ja. Das müssen Sie lesen, unbedingt lesen, oder vielmehr ich selbst werde es Ihnen vorlesen, denn dies richtig tun zu können, muß man eine auserwählte Gabe besitzen, den Sinn des Gedichtes zu erfassen und mit dem auf- und absteigenden Fall des Tones das Herz des Zuhörers zu ergreifen. Erlauben Sie mir also!“
    Er nahm das Heft dem Wirte wieder aus der Hand, schlug es auf und stellte sich an, das Gedicht zu deklamieren.
    „Weihnachtslust am Kindleinstall zu Bethlehem!“
    Wieder so ein gassenfrommer Titel! Jedenfalls war der Wert des Gedichts diesem Titel angemessen. Ich mochte es gar nicht hören und stand auf, um hinauszugehen.
    Schon war ich fast an der Tür, als er begann:
    „Ich verkünde große Freude, Die euch widerfahren ist,
Denn geboren wurde heute
Euer Heiland Jesus Christ!“
    Man kann sich denken, daß ich vor Erstaunen stehenblieb. War es denn möglich, daß ich mein Gedicht, wirklich mein Gedicht da hörte? Oder war es ein anderes mit zufällig denselben Anfangsversen? Ich horchte weiter; ja, es war das meinige, Wort für Wort das meinige, welches er mit näselnder Stimme bis zu Ende deklamierte. Ich kehrte an meinen Tisch zurück, auf welchem das von mir gekaufte Heft lag, schlug es auf und las: ‚Weihnachtslust am Kindleinstall zu Bethlehem – – Reuegedicht eines verlorenen, aber durch das Lesen unserer Schriften wiederbekehrten Sünders.‘
    Ich war baff! Sollte ich lachen, oder sollte ich mit den Fäusten dreinschlagen? Da hörte ich, noch ehe ich einen Entschluß fassen konnte, die Worte des Prayer-man:
    „Wenn Sie sich von der Wirkung dieses Gedichtes überzeugen wollen, so sehen Sie sich den Fremden dort an!“
    Er zeigte mit der Hand auf mich und fuhr fort:
    „Er war zu sparsam, sich den Quell der Gnade ganz zu kaufen; er hat nur einen Tropfen davon bezahlt, aber dieser eine Tropfen schon hat ihn so ergriffen, daß er in seinen Busen greift und auch die andern Hefte noch verlangen wird. Ich eile, seine arme Seele vom ewigen Tode zu erretten!“
    Nach diesen Worten holte er die von mir zurückgewiesenen Hefte aus dem Koffer, legte sie mir wieder vor und hielt mir die Hand hin, um das Geld in Empfang zu nehmen. Ich fühlte mich durch diese Frechheit in jenen innern Zustand versetzt, welchen Winnetou mit den Worten zu bezeichnen pflegte:
    „Mein Bruder wird gleich losschießen; er hat die Patronen schon im Munde und auch in den Fäusten.“
    Ich pflegte dann gewöhnlich im freundlichsten Tone zu sprechen; aber was dann folgte, war nichts weniger als Freundlichkeit. So fragte ich jetzt auch den Prayer-man mit gutmütigem Lächeln:
    „Das Gedicht hat allerdings einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Ist Ihnen der Verfasser bekannt?“
    „Ja“, antwortete er.
    „Wer und was ist er?“
    „Er war ein berüchtigter Pferdedieb.“
    „Ah, er war – – – ist es also nicht mehr?“
    „Nein, denn das Leben unserer Schriften hat ihn zur Reue geführt. Seine Reue war so tief, daß er sich kurz vor seinem Tode noch hinsetzte, um diese Verse zu dichten.“
    „Vor seinem Tode? Er lebt also nicht mehr?“
    „Nein. Oder wissen Sie nicht, daß Pferdediebe hier in den Staaten gehängt werden?“
    „Ah, gehängt worden ist er also! Das wissen Sie genau?“
    „Ja; ich war es ja, von dem er die Schriften bekam, die ihn zur Reue führten, und bin bei seinem seligen Verscheiden zugegen gewesen.“
    „Er war ein Deutscher?“
    „Was denken Sie, Herr! Hat es jemals einen Deutschen gegeben, welcher zum Pferdedieb geworden ist?! Nein, er war ein Irishman.“
    „Ich hörte aber doch, daß Sie das Gedicht bei einer Frau Hiller abgeschrieben und dann erst in Druck gegeben haben?“
    „Ja, das ist richtig“, gestand er und fuhr nach einer Pause der Verlegenheit fort: „Diese Frau hat eine Abschrift des Gedichtes von dem betreffenden

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