09 - Befehl von oben
professionell zu sein heißt nicht, nur dabeizusein. Es bedeutet, sich zu
etwas bekennen, an etwas glauben, für etwas einstehen zu müssen. Vor wenigen Wochen haben wir an einem Tag Präsident Ryan zweimal
interviewt. Das erste Gespräch kam morgens aufs Band, das zweite machten
wir live. Mit etwas anderen Fragen. Dafür gibt's einen Grund.
Zwischen dem ersten und zweiten Interview wurden wir zu jemandem
bestellt. Den Namen sage ich jetzt noch nicht, sondern später. Die Person
gab uns Information: empfindliche Information, die dem Präsidenten
schaden sollte. Zu der Zeit sah's wie eine gute Story aus. War's nicht, doch
das wußten wir nicht. Zu der Zeit sah's aus, als hätten wir die falschen
Fragen gestellt. Wir wollten bessere stellen.
Also logen wir. Wir belogen Arnie van Damm, Stabschef des
Präsidenten; sagten ihm, die Bänder seien irgendwie beschädigt worden.
Damit belogen wir den Präsidenten ebenfalls. Am schlimmsten aber: Wir
haben auch Sie belogen. Die Bänder habe ich in Verwahrung genommen.
Sie sind in keiner Weise beschädigt.
Es war kein Gesetzesbruch. Der erste Verfassungszusatz erlaubt uns fast
alles, und das ist in Ordnung, weil Sie da draußen oberste Richter dessen
sind, was unsereiner tut und wer er ist. Aber eines dürfen wir nicht tun: Das
von Ihnen in uns gesetzte Vertrauen brechen.
Ich bin kein Anhänger von Präsident Ryan. Mit seiner Politik stimme
ich persönlich in vielem nicht überein. Wenn er zur Wiederwahl anstünde,
würde ich jemand anderen wählen. Aber ich war an der Lüge beteiligt und
kann damit nicht leben. Bei allen Fehlern ist John Patrick Ryan ein ehrbarer
Mensch, und ich darf meine Arbeit nicht vom persönlichem Gefühl für oder
wider einen Menschen oder eine Sache beeinflussen lassen.
Diesmal tat ich es. Das war falsch. Es ist an mir, mich zu entschuldigen,
beim Präsidenten - und bei Ihnen. Es mag das Ende meiner Karriere als
Fernsehjournalist sein. Aber wenn, so will ich sie verlassen, wie sie
begonnen hat: die Wahrheit sagen, so gut ich's kann.
»Gute Nacht, von NBC News.« Plumber atmete tief ein, als er die
Kamera anstarrte.
»Was zum Teufel sollte denn das alles?«
Plumber stand auf. »Wenn du das fragen mußt, Tom ...«
Das Telefon an seinem Platz läutete - in Wirklichkeit blinkte ein
Lämpchen. Plumber entschied sich, nicht ranzugehen und ging zur
Garderobe. Tom Donner würde selbst zusehen müssen, wie er damit
klarkam.
Zweitausend Meilen entfernt, über dem Rocky Mountain National Park,
stoppte Arnie van Damm den Videorecorder, ließ das Band auswerfen und
trug es die Wendeltreppe hinab zur Kabine des Präsidenten.
Ryan ging gerade den Text seiner nächsten und letzten Rede dieses
Tages durch.
»Jack, ich glaube, das wollen Sie sehen«, sagte er und grinste breit.
*
Für alles muß es einen ersten Fall geben. Diesmal war es in Chicago. Sie war Samstag nachmittag zu ihrem Arzt gegangen und hatte denselben Rat erhalten wie alle anderen. Grippe. Aspirin. Flüssigkeit. Bettruhe.
Aber beim Blick in den Spiegel sah sie Verfärbungen ihres hellen Teints, und das ängstigte sie mehr als alle übrigen Symptome zuvor. Diese Flecken konnten nicht warten, also stieg sie in ihren Wagen und fuhr zum University of Chicago Medical Center, einer der besten Kliniken Amerikas. In der Notaufnahme wartete sie rund vierzig Minuten, bis man sie aufrief. Den Weg zum Pult schaffte sie aber nicht und fiel vor den Augen der Verwaltungsleute auf die Bodenkacheln. Das hieß >Action<, und gleich darauf rollten zwei vom Krankentransport sie auf der Trage nach hinten zur Behandlung, eine der Verwaltungsleute mit Formularen im Schlepptau.
Zuerst schaute ein junger Assistent, nicht ganz im zweiten Jahr internistischer Weiterbildung, nach der Patientin.
»Was gibt's?« fragte er, als die Schwestern loslegten: Puls, Blutdruck, Atmung.
»Hier.« Die Frau von der Aufnahme gab ihm die Formulare. Der Arzt sah sie durch.
»Grippesymptome, wie's aussieht, aber was ist das?«
»Puls ist 120, Blutdruck ist - Moment mal!« Die Schwester pumpte erneut. »Blutdruck nur 90 zu 50?« Dafür sah sie doch viel zu normal aus.
Der Arzt knüpfte gerade die Bluse der Patientin auf. Und da war es.
Die Klarheit des Augenblicks rief ihm wie ein Blitz Textbuchpassagen vors geistige Auge. Er hob die Hände.
»Leute. Sofort aufhören! Alle! Wir haben hier vielleicht ein großes Problem. Ich will jeden in frischen Handschuhen, Masken für alle, sofort.«
»Fieber, 40,2.« Das kam von einer anderen Schwester, die
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