12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
fragen!“
„Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch erfahren werden.“
Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.
„Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe wohl! Allah segne dich und die Deinigen!“
Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.
„Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!“
„Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.“
„Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelt.“
„Meinst du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt (Schwarzes Zelt) eines Arab el Schammar.“
Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.
„Willst du mich beleidigen?“
„Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!“
„Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die Gastfreundschaft gebrochen?“
„Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen Angehörige des eigenen Stammes.“
Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grund ich höflich sein sollte mit einem Mann, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr fort:
„Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen, als der deinige mich.“
„Beweise die Wahrheit!“
„Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen Stamm, der wieder in kleinere Ferkah (Unterstämme) zerfiel. Dieser Stamm war regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: ‚Folge mir. Ich schwöre dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit meinem Leben für das deinige stehen!‘ – Da antwortete der Häuptling: ‚Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.‘ – Sie setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen, sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahl wurde er überfallen. Der Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf abgewürgt, wie man es bei einem Schaf tut. Der Sohn zerriß seine Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik Mohammed Emin?“
„Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.“
„Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamm. Der Verratene hieß Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.“
Er wurde verlegen.
„Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesire (Wörtlich ‚Insel‘ = das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris). Von wem hast du diese Geschichte erfahren?“
„Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar, und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.“
Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.
„Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!“
„Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?“
„An deinem Hamail (Ein Koran, welcher im goldgeschmückten
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