12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
derselben und legte sie vor ihm nieder.
„Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.“
Jetzt lächelte er beruhigt.
„Es sei, also zehn Mann?“
„Ja, auch zwölf oder fünfzehn.“
„Die auf dich schießen dürfen?“
„Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle deine besten Reiter und Schützen aus!“
„Du bist tollkühn, Emir!“
„Das glaubst du nur.“
„Sie haben sich nur hinter dir zu halten?“
„Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit ihrer Kugel zu treffen.“
„Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!“
„Aber sobald ich hier an diesem Ort halten bleibe, ist das Spiel zu Ende!“
„Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles sehen zu können.“
„Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!“
„Tue es!“
Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel. Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales ‚wichsig‘ genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen Bauchgurtes.
„Du entferntest den Sattel?“ fragte der Scheik. „Wozu diese Riemen?“
„Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern getroffen?“
„Ja; hier sind zehn!“
Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf, welche sich in der Nähe befanden.
„So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte von hier?“
„Wir sehen es.“
„Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!“
Ich sprang auf – der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.
Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelt blickte ich mich um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum. Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur ein Araber zustande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er hob die Flinte empor; der Schuß krachte.
„Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!“ rief es.
Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich hatte mich nach Art der Indianer vom Pferd geworfen und hing nun mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben, welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Hals des Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach rechts hinüber und jagte weiter.
„Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!“ brauste es hinter mir. Die guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.
Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor. Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes hängend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Ort, an welchem der Ritt begonnen hatte.
Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte mich bei der
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