12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
welche am westlichen Gesichtskreis erschienen und mit großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.
Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie hielten vor mir an.
„Wer bist du?“ fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.
So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.
„Ein Fremdling“, antwortete ich kurz.
„Woher kommst du?“
„Von Westen, wie ihr seht.“
„Wohin willst du?“
„Wohin das Kismet mich führt.“
„Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.“
„Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager sorgt.“
„Wen?“
„Allah. Lebt wohl!“
Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferd glitt. Zwar dauerte die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen binden können.
„Sallam aaleïkum“, grüßte jetzt der eine. „Wir waren vorhin nicht höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm. Wer bist du?“
Ich antwortete natürlich nicht.
„Wer du bist?“
Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritt begleitete.
„Laß ihn“, meinte der andere. „Allah wird Wunder tun und ihm den Mund öffnen. Soll er reiten oder gehen?“
„Gehen!“
Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel und – fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges Geschöpf!
Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen hindurch, und endlich sah ich aus einem Tal mehrere Feuer uns entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir lenkten in dies Tal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger Mann trat. Er sah mich und ich ihn – wir erkannten einander.
„Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?“ fragte er.
„Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine Thar (Blutrache) bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!“
Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:
„Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn! Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört werde. Ich rufe die andern zusammen.“
„Was tun wir mit dem Pferd?“
„Es bleibt vor dem Zelt des Scheik.“
„Und seine Waffen?“
„Werden in das Zelt gebracht.“
Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber vor einer Versammlung von – Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.
„Kennst du mich?“ fragte der Älteste der Anwesenden.
„Nein.“
„Weißt du, wo du dich befindest?“
„Nein.“
„Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?“
„Ja.“
„Wo hast du ihn gesehen?“
„Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich mir wiederholte.“
„Lüge nicht!“
„Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?“
„Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.“
„Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!“
„Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.“
„Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!“
„Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten hast?“
„Mir.“
„Lüge nicht!“
„Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!“
„Bindet ihn fester!“ gebot er.
„Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich das Wasser des Zem-Zem befindet?“
„Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhängen. Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?“
„Ja.“
„Gib uns davon.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.“
„Sind wir deine Feinde?“
„Ja.“
„Nein. Wir haben dir noch kein Leid getan. Wir wollen nur das Pferd, welches du geraubt hast,
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