12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
seinem Eigner wiederbringen.“
„Der Eigner bin ich.“
„Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Muhammed Emin, dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferd?“
„Er hat es mir geschenkt.“
„Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.“
„Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich gefesselt bin!“
„Warum hat er dir es geschenkt?“
„Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!“
„Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk gibt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die Haddedihn verlassen?“
„Vorgestern früh.“
„Wo weiden ihren Herden?“
„Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.“
„Könntest du uns zu ihnen führen?“
„Nein.“
„Wo warst du seit vorgestern?“
„Überall.“
„Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir geschieht. Führet ihn fort!“
Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden. Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt, die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte, auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre. Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag nicht hier in dem Zelt am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das Wachtfeuer loderte, der Lagmi (Dattelpalmensaft) kreiste von Hand zu Hand, und die Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat, der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme – ich erwachte.
War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber, und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit – ein Löwe umschlich das Lager.
„Schlaft ihr?“ fragte ich.
„Nein.“
„Hört ihr den Löwen?“
„Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.“
„Tötet ihn!“
„Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?“
„Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?“
„Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme vollständig zu hören.“
„Ist der Scheik bei ihnen?“
„Ja.“
„Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er mir mein Gewehr gibt.“
„Du bist wahnsinnig!“ .
„Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!“
„Ist es dein Ernst?“
„Ja; packe dich!“
Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der Mann zurück. Er band mich los.
„Folge mir!“ gebot er.
Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner wagte es, aus dem Schutz der Zelte zu treten.
„Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?“ fragte der Scheik.
„Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.“
„Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu jagen, und mehrere würden sterben daran.“
„Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.“
„Sagst du die Wahrheit?“
„Ich sage sie.“
„Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah gibt das Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.“
„So gib mir mein Gewehr!“
„Welches?“
„Das schwere, und mein Messer.“
„Bringt ihm beides“, gebot der Scheik.
Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu tun, und diese Drei konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.
Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.
„Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?“
„Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?“
„Ja.“
„Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem, welchen du in der
Weitere Kostenlose Bücher