12 - Im Schatten des Grossherrn 01 - Durch Wüste und Harem
Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir einander gegenüber.
Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert als unsere drei zusammen.
„Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!“ grüßte er mich, während er die Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.
„Aaleïkum!“ antwortete ich. „Welches ist dein Weg hier in der Wüste?“
Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes; seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten – es war kein Mann, sondern eine Frau.
„Mein Weg ist überall“, antwortete sie. „Wohin führt dich der deinige?“
„Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach der Stadt zurückkehren.“
Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu werden.
„So wohnest du in der Stadt?“
„Nein; ich bin fremd in derselben.“
„Du bist ein Pilger?“
Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen Mohammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.
„Nein; ich bin kein Hadschi.“
„Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein Rechtgläubiger.“
„Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.“
„Bist du ein Jude?“
„Nein; ich bin ein Christ.“
„Und diese beiden?“
„Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach Mekka gehen will.“
Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.
„Wo ist deine Heimat, Fremdling?“
„Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.“
„Hast du ein Weib?“
Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:
„Nein.“
„Bis du der Freund oder der Diener dieses Effendi?“
„Ich bin sein Diener und sein Freund.“
Da wandte sie sich wieder zu mir:
„Sihdi, komm und folge mir!“
„Wohin?“
„Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weib?“
„Pah! Vorwärts!“
Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.
„Nun“, fragte ich zu Albani zurück, „hatte ich nicht recht mit dem Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?“
Albani sang statt der Antwort:
„Dös Dirndel ist sauba
Vom Fuaß bis zum Kopf,
Nur am Hals hat's a Binkerl,
Dos hoaßt ma an Kropf.“
Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? – Sie war mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan; ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen, furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu sehen sind, als im Abendland, wo dem Weib doch eine freiere Stellung gewährt ist.
„Was ist das für eine Sprache?“ fragte sie, als sie die Antwort Albanis hörte.
„Die Sprache der Deutschen.“
„So bist du ein Nemtsche?“
„Ja.“
„Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.“
„Warum?“
„Der
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