1813 - Kriegsfeuer: Roman (German Edition)
pflegen, gab all ihr Geld dafür, ihnen Essen zu besorgen. Als das Verbandsmaterial ausging, behalf sie sich mit Papier. Bald lag sie selbst mit Fieber im Bett.
Erst Ende Oktober – die Alliierten hatten ihren großen Sieg bei Leipzig bereits errungen – würde ein junger, mit Orden geschmückter Kosakengeneral ihr Quartier betreten, es durchsuchen lassen und sie auffordern, ihn zu einer Unterredung mit dem Grafen Woronzow zu begleiten. Und schließlich würde diese Reise sie sogar zu einem alten Bekannten aus Pariser Zeiten führen: zu Bernadotte, nun unter dem Namen Karl Johann Kronprinz von Schweden und damit ein Feind.
Johann Adolph von Thielmann beschloss, sich Lefèbvre-Desnouettes im Kampf zu stellen. Beim ersten Gefecht bei Pettstädt am 19 . September musste er sich zurückziehen. Ein weiteres an der Brücke von Kösen verlief zu seinen Gunsten, aber unter hohen Opfern. Weil sie dabei dem überlegenen Feind zweihundert Wagen mit Kavallerieausrüstung und Munition abnahmen, erhielt der Generalleutnant vom Zaren das Großkreuz des Annenordens.
Doch ihm war klar, dass er sich auf Dauer nicht allein gegen dieses starke französische Korps behaupten konnte. Er nahm Kontakt zum Kosaken-Hetman Platow und zum General von Mensdorff auf, die nach ihm die beiden größten Streifkorps führten, um gemeinsam vorzugehen.
Noch bevor deren Antworten eintrafen, erhielt er ein Schreiben aus dem Hauptquartier mit dem Befehl, dass sich sämtliche in Sachsen agierenden Freikorps unverzüglich unter sein Kommando begeben sollten. Sie würden gemeinsam gegen Lefèbvre-Desnouettes antreten.
Unruhige Zeiten
Freiberg, 18 . September 1813
H eftiges Donnern mitten in der Nacht riss Jette aus dem Schlaf. Sie fuhr hoch und kauerte sich auf dem Bett zusammen. Ihr Herz hämmerte, während sie schreckensstarr zum Fenster blickte. Der Untermarkt war in tiefes Dunkel gehüllt, nicht einmal der erste Schein der Morgendämmerung ließ sich erahnen.
Im nächsten Augenblick hallte erneut ein Krachen durch die Nacht. Unverkennbar Kanonendonner. Die Stadt wurde beschossen. Nun erklangen Alarmsignale von mehreren Seiten.
Jette hörte Schritte und Rufe aus den anderen Zimmern, mit hastig entzündeten Kerzen in der Hand versammelten sich die bestürzten Hausbewohner auf dem Flur.
Rasch warf sie sich ein großes, warmes Tuch um und trat hinaus.
»Jesus, Maria und Josef, nun hat der Krieg die Stadt erreicht!«, jammerte Tante Johanna und schlang sich bibbernd ihr Wolltuch enger um die Schultern. »Warum sollten auch ausgerechnet wir verschont werden?«
»Klingt wie vom Erbischen oder vom Donatstor«, meinte Eduard, als es erneut krachte. Nun folgten rasche Schusswechsel mit Gewehren.
»Setzt euch in die Küche, bleibt ruhig und wartet ab, was geschieht«, wies Friedrich Gerlach seine Familie an. Er hatte offenbar bis tief in die Nacht gearbeitet, denn er trug immer noch Tageskleidung statt Nachthemd.
»Und betet!«, ergänzte Johanna.
Franz, der hellwach wirkte, faltete die Hände und begann:
»Vater unser, der du bist im Himmel,
beschütze uns vor Kriegsgetümmel …«
Bevor er diese sehr ausführliche und populäre Spottversion des Gebetes weiter aufsagen konnte, bekam er von seiner Tante einen Klaps auf den Hinterkopf.
»Wirst du wohl aufhören, über Gott zu lästern? Und dich über den Krieg lustig zu machen? Herr im Himmel, wer weiß, wer diesmal vor den Toren steht … Die Österreicher, die Russen, die Preußen, die Schweden, die Böhmen, die Ungarn … Die Vandalen oder die vier apokalyptischen Reiter! Und wie lange sie noch schießen und ob sie plündern …«
Die ersten großen Kämpfe nach Ende der Waffenruhe lagen schon mehr als zwei Wochen zurück; seitdem schien dieser Krieg in eine unentschlossene Phase getreten zu sein; man hörte nichts mehr von gewaltigen Schlachten, dafür aber von überall aufflackernden Gefechten und Scharmützeln, mal da, mal dort, Streifkorps waren unterwegs, es gab Truppenbewegungen hin und her, doch es ließ sich kein Muster erkennen.
Mal hieß es, die Franzosen seien auf dem Rückzug, dann wieder, sie würden Richtung Leipzig vordringen. Und derzeit streiften sie verstärkt durchs Gebirge, um zu verhindern, dass die gesamte Hauptarmee aus Böhmen über den Erzgebirgskamm einmarschierte. Kleinere alliierte Einheiten stürmten vor, eroberten Ortschaften für einige Tage und wichen dann wieder zurück.
Nach dem kurzen österreichischen Intermezzo Ende August war Freiberg nun erneut von
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