1813 - Kriegsfeuer: Roman (German Edition)
Franz. »Hast du nicht zugehört, als dein Vater mit dir sprach?« Nun war Johanna wirklich wütend.
Eduard schwieg trotzig.
Jette sah ihn mit schmalen Augen an und sagte, so gelassen sie konnte: »Du solltest dir wünschen, nie in eine Lage zu kommen, in der du sogar die Hilfe des Feindes herbeisehnst.«
Franz fühlte sich unbehaglich angesichts des Streits; es gefiel ihm nicht, dass der Cousin und seine Schwester neuerdings nicht mehr miteinander auskamen.
»Steigen wir auf den Dachboden und halten Ausschau?«, fragte er Eduard deshalb. »Wenigstens so lange, bis das Frühstück fertig ist?«
Der Ältere nickte, und schon polterten sie die Treppe hinauf.
Johanna sah ihre Nichte mitleidig an. »Nimm Eduards dumme Worte bloß nicht ernst! Mein guter Friedrich wird ihm noch einmal gründlich ins Gewissen reden.«
Doch Henriette wollte nur fort. Niemand sollte sehen, wie tief sie getroffen war.
»Ich gehe wieder ins Bett. Es ist noch mitten in der Nacht … und mir ist kalt. Ruft mich, wenn der Oheim kommt und Neuigkeiten hat, ja?«
»Du bist aber auch wirklich blass, Kind! Du wirst dir doch kein Fieber in den Lazaretten aufgelesen haben?«, sorgte sich die Tante sofort.
»Ich bin nur müde«, versicherte Jette. Zum Beweis gähnte sie herzzerreißend.
Lisbeth schlug Eier in die große Pfanne, in der sie schon Speck und Zwiebeln ausgelassen hatte.
»Wollen Sie nicht doch lieber etwas essen, Fräulein? Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen!«
»Nein, danke, Frau Tröger, wirklich nicht.« Schon bei dem Geruch drehte sich ihr fast der Magen um. »So tief in der Nacht kann ich nichts essen.«
»Dann nehmen Sie wenigstens etwas heiße Milch mit Honig mit, das tut gut«, beharrte Lisbeth.
Jette nippte auf der Treppe an der warmen, honiggesüßten Milch.
In der Bibliothek setzte sie sich, zog die Beine an den Körper und wickelte das Federbett um sich. Dann trank sie langsam die Tasse leer, schloss die Augen und verlor sich in Gedanken.
Der Kanonendonner vor den Toren hatte aufgehört, jetzt waren nur noch vereinzelte Schüsse zu hören. Wann nur endlich der Oheim zurückkam und berichtete?
Aber so wichtig es war zu erfahren, was draußen vor sich ging, vielleicht sogar lebenswichtig – am liebsten hätte sich Jette vor jedermann versteckt und in einem Mauseloch verkrochen.
Sie stellte die Tasse ab, umschloss die Knie mit ihren Armen und fing an, sich hin- und herzuwiegen.
Noch wusste niemand außer Nelli davon. Sie war nun nicht mehr unberührt, deshalb blieb ihr eine standesgemäße Ehe verwehrt. Und was, wenn sie schwanger war?
Dann musste sie das Haus verlassen. Solch eine Schande konnte sie nicht über ihre Verwandten und ihren Bruder bringen. Sie würde mit diesem Skandal das Geschäft der Familie und die Zukunft ihres Bruders zerstören.
Falls sie schwanger war, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als fortzugehen, auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, wohin. Sie würde einfach verschwinden. Im Krieg verschwanden viele Leute einfach so, ohne dass man je wieder von ihnen hörte.
Zu ihrer Beruhigung könnte sie noch einmal die drei Schriftstücke lesen, die am Morgen nach Étiennes Aufbruch zu ihrer Überraschung auf dem Schreibpult der Bibliothek lagen. Doch dafür musste sie nicht aufstehen. Sie kannte jedes Wort auswendig.
Das erste war ein Geleit- und Schutzbrief, vom Major unterzeichnet und auf ihren Namen ausgestellt. Sollte sie in Gefahr geraten und fliehen müssen, sicherte ihr dieses Schreiben freie Passage und Unterstützung durch jedwede französische Truppe. Niemand würde ihr etwas tun. Mit welchen Argumenten Étienne seinen Vater dazu gebracht hatte, das zu unterschreiben, malte sie sich lieber nicht aus.
Vor allem nicht in Zusammenhang mit dem zweiten Blatt: Das enthielt ein formelles Eheversprechen, in dem Étienne sie als seine Verlobte und künftige Ehefrau bezeichnete. Sollte er fallen, sei es sein Wunsch, dass seine Familie sie wie seine Witwe behandelte und ihr alle Hilfe gewährte.
Das dritte Schreiben hatte fast den gleichen Wortlaut, aber eine Ergänzung für den Fall, dass sie schwanger war: Er erkannte das Kind als seines an. Es sei mit einem Eheversprechen gezeugt und sollte zusammen mit ihr von seiner Familie aufgenommen werden.
Als Jette die Schriftstücke fand, war sie sprachlos und gerührt von seiner Vorsorge. Aber natürlich war es vollkommen ausgeschlossen, dass sie einen französischen Adligen heiratete. Ebenso ausgeschlossen, wie mit
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