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9 Stunden Angst

9 Stunden Angst

Titel: 9 Stunden Angst Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Max Kinnings
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abgeschlossen. George vermutete, dass die meisten Leute so dachten. Unabhängig von der Frage, ob es einen Gott gab oder nicht, glaubte George fest an das Schicksal, und genau dieser Glaube zwang ihn nun zum Handeln. Er musste versuchen, diesen Verbrechern das Handwerk zu legen. Nie zuvor hatte er einen so starken Beschützerinstinkt verspürt, aber er hatte auch noch nie so große Angst gehabt, dass seine Emotionalität ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde.
    »O Gott«, murmelte er so leise, dass Pilgrim ihn nicht hörte. Blasphemie war eine Konstante in Georges Leben, er war ein begeisterter Gotteslästerer. Ein angestoßener Zeh: Himmel Herrgott! Ein in der Tür eingeklemmter Finger: Heilige Scheiße! Und auch auf weit geringere Anlässe, ob es nun die unterdurchschnittlichen Fahrkünste der anderen Verkehrsteilnehmer waren oder das schlechte Wetter, reagierte er mit gotteslästerlichen Verwünschungen. Der heutige Tag bildete keine Ausnahme, aber er stellte fest, dass seine dahingemurmelten Flüche flehender klangen als sonst, so als versuche er mit einem Gott in Kontakt zu treten, dessen Existenz er eigentlich anzweifelte.
    Für George war Angst nichts Neues. Er war Pessimist, und sein Pessimismus äußerte sich oft in nächtlichen Panikattacken. Dann schreckte er aus dem Schlaf, weil ihn das Gefühl, dass er sein Leben vergeudete, innerlich auffraß. Alle seine großen Helden, all die Schriftsteller und Musiker, die ihn inspirierten und ihm Hoffnung machten, hatten ihr Leben fest im Griff und wussten genau, was sie wollten – zumindest hatte es nach außen hin den Anschein. George hatte schon darüber nachgedacht, eine Therapie zu machen, aber ihm behagte der Gedanke nicht, sich einem Fremden gegenüber offenbaren zu müssen. Außerdem gab es Wichtigeres, für das er sein Geld ausgeben konnte. Ein paar Drinks mit Freunden zum Beispiel oder hin und wieder einen Joint. Davon hatte er mit Sicherheit mehr, erlaubten ihm diese Laster doch, sein Leben mit Abstand zu betrachten und über die Absurdität der menschlichen Existenz zu lachen. Außerdem verscheuchten sie die Panik oder reduzierten sie zumindest auf ein vages Unbehagen. Doch selbst in den seltenen Momenten, in denen er tatsächlich so etwas wie Zufriedenheit empfand, machten ihm seine Gedanken bald wieder einen Strich durch die Rechnung, indem sie unangenehme Bilder heraufbeschworen, krasse und unumstößliche Wahrheiten über die Verkommenheit der Menschheit und der Welt, die ihn zurück in die Schwermut stürzten. Irgendjemand hatte wieder ein Kind missbraucht, irgendwo geschahen unsägliche Dinge, gegen die niemand etwas unternehmen konnte. Das Grauen ließ sich nicht vertreiben.
    In Georges Kopf, seiner mentalen Jukebox, lief in Endlosschleife ein Lied: »London Calling« von The Clash. Der Frontmann der Band, Joe Strummer, war einer seiner großen Helden, und als Jugendlicher hatte er das große Glück gehabt, ihn live auf der Bühne zu erleben. Strummer war leidenschaftlich und kompromisslos, all das, was George auch gerne gewesen wäre, aber nicht war, wie er befürchtete.
    Wenn George oder sein bester Freund Dougie, ebenfalls ein lebenslanger Clash-Fan, vor einer scheinbar ausweglosen Situation standen, stellten sie sich gern die Frage: »Was würde Joe Strummer jetzt tun?«
    Als Strummer überraschend gestorben war, hatten sich George und Dougie in einer Kneipe getroffen und immer wieder ihr Gespräch unterbrochen, um auf ihn anzustoßen. Zur Sperrstunde hatten sie beide Tränen in den Augen gehabt.
    Was würde Joe Strummer jetzt tun?, fragte sich George. Was hätte er an seiner Stelle getan, wenn er eine vollbesetzte U-Bahn hätte steuern müssen, während neben ihm ein bewaffneter Zugentführer stand? Was hätte er getan?
    Georges einziger Trost bestand darin, dass der Mann, den er nur als Pilgrim kannte, nicht wie ein Islamist aussah. Zunächst einmal war er eindeutig hellhäutig und Europäer, was er als gutes Zeichen wertete. Allerdings machte die Leiche auf dem Boden jede Hoffnung zunichte, die er aus diesem dürftigen Herkunftsprofil schöpfte. Woher dieser Mann auch stammte, er war ein unbarmherziger Mörder.
    Während George den Zug durch die warme Tunnelluft lenkte, schwankte er zwischen Déjà-vu und Jamais-vu – alles war im einen Moment eigenartig vertraut und im nächsten beängstigend neu und hyperrealistisch. Als er am Leicester Square die Knöpfe zum Öffnen der Türen gedrückt hatte, hatte er das Gefühl gehabt,

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