Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
9 Stunden Angst

9 Stunden Angst

Titel: 9 Stunden Angst Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Max Kinnings
Vom Netzwerk:
Tat umzusetzen, fand er sie noch ungemein erregend. Umso verstörender war der Gedanke, dass er sie noch vor Ende dieses Tages würde umbringen müssen.
    08.58 Uhr
    Hyde Park Mansions, Apartment 21, Pimlico
    Er erhöhte die Geschwindigkeit um einen weiteren Stundenkilometer. Diesen Moment mochte er auf dem Laufband am liebsten: wenn er nach etwa einer Viertelstunde warmgelaufen war und das Blut durch seinen ganzen Körper pulsierte. Er spürte regelrecht, wie das Serotonin ihn durchströmte. Das Gefühl der Niedergeschlagenheit, das ihn oft beim Aufwachen überkam, ließ sich nur durch eine Runde Laufen vertreiben. Er rannte jeden Tag mehrere Kilometer, hier, in einer Ecke seines Schlafzimmers. Sein Morgentraining stimulierte ihn auf mehreren Ebenen. Es hielt ihn fit, beschränkte sein Gewicht und erlaubte es ihm, klarer zu denken als zu jeder anderen Tageszeit. An einigen Tagen war die Niedergeschlagenheit schlimmer als an anderen. Es hing immer davon ab, wann er am Vorabend ins Bett gegangen war und ob er ein Glas Wein getrunken hatte. An manchen Vormittagen fühlte er sich hingegen richtig gut, zum Beispiel an diesem. Er war fast so frisch wie in alten Zeiten. In ein paar Stunden würde es zu heiß zum Laufen sein, aber im Moment flog er nur so dahin.
    Früher, als er noch in Muswell Hill gewohnt hatte, war er im Alexandra Park joggen gegangen. Seine Lieblingsstrecke führte am Alexandra Palace vorbei, von wo aus man eine wunderschöne Aussicht über London genoss. Jetzt träumte er sich dorthin zurück, während seine Joggingschuhe ihren hypnotisierenden Rhythmus stampften. Für einen Moment war ihm, als hätte er einen Zustand der Transzendenz erreicht und könnte die Wirklichkeit hinter sich lassen. Die Sonne von Nordlondon schien auf ihn herab. Zu seiner Linken sah er das riesige runde Buntglasfenster des Alexandra Palace, und zu seiner Rechten erstreckte sich London bis zum Horizont.
    Ed griff nach der Fernbedienung für die Stereoanlage und schaltete das Radio ein. Er hörte meist den Klassiksender, weil er sich einzureden versuchte, dass klassische Musik ihn beruhigte. Allerdings hasste er den Gedanken, dass er Beruhigung nötig haben könnte, zumal seine Wut längst verraucht und der Resignation gewichen war, genau wie es die Psychologen vorhergesagt hatten. Als Nächstes folgte angeblich Akzeptanz, aber so weit war er noch nicht. Noch lange nicht.
    Im Radio wurden gerade die Neun-Uhr-Nachrichten verlesen. »Am Mikrofon Marsha Wilson.« Ed fragte sich oft, wie Marsha Wilson wohl aussah. Er hörte sie jeden Morgen und mochte ihre Stimme. Es gefiel ihm, wie sie einerseits ernst klingen konnte, wenn sie von einem Erdbeben oder einem pädophilen Straftäter berichtete, und andererseits fröhlich und optimistisch, wenn sie am Ende der Nachrichten von einem rekordverdächtigen Kürbis erzählte oder davon, wie jemand in der eigenen Garage eine Weltraumrakete gebaut hatte. An diesem Morgen gab es keine einzige interessante Meldung. Das nannte man wohl Sommerloch. Die Leute waren im Urlaub, und es gab ein paar Wochen lang keine nennenswerten Neuigkeiten. Ed wünschte seinen Mitmenschen ganz gewiss nichts Böses, aber manchmal sehnte er sich regelrecht einen ernsten Zwischenfall herbei, auf den er sich stürzen konnte. Heute hatte er kein Glück. Das einzig Erwähnenswerte war das Wetter. Es würde heiß werden, voraussichtlich der heißeste Tag des Jahres. »Und nun folgt der erste Satz von Bachs drittem Brandenburgischen Konzert in G-Dur.« Nicht gerade sein Lieblingsstück. Er trommelte mit dem Rhythmus seiner Schuhe dagegen an.
    An diesem Morgen trug er statt richtiger Joggingkleidung nur Boxershorts und Schuhe, weil es bereits drückend heiß war und ihn schließlich niemand sehen konnte. Direkt nach dem Aufstehen hatte er sich im Badezimmer ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt und war dann aufs Laufband gestiegen, um sich mit flottem Gehen aufzuwärmen. Dann war er allmählich in langsames Joggen und schließlich in sein jetziges Tempo übergegangen, das man fast schon als Sprint bezeichnen konnte. Sein Lauftraining war eine wirkungsvolle Ablenkung von den Erinnerungen, die ihn jeden Morgen beim Aufwachen überkamen, Erinnerungen an das, was vor etwas mehr als dreizehneinhalb Jahren passiert war. Auch wenn die Ereignisse zeitlich gesehen in immer weitere Ferne rückten, schmerzten sie noch genauso wie am ersten Tag.
    Wegen einer Nachrichtensperre hatte es die Belagerung der Hanway Street nicht in die

Weitere Kostenlose Bücher