9 Stunden Angst
Zeitungen geschafft. Aber die Tatsache, dass nie über die Geschehnisse berichtet worden war, linderte Eds Qualen nicht im Geringsten.
Für Ed Mallory und seine Kollegen von der britischen Staatspolizei war Conor Joyce so etwas wie eine Legende gewesen. Er war Sprengstoffexperte und hatte mutmaßlich eine ganze Reihe von Bomben für die IRA gebaut und gezündet. Ende der neunziger Jahre musste er dann feststellen, dass seine Dienste nicht länger gefragt waren. Außerdem lernte er eine protestantische Frau kennen und verliebte sich in sie, woraufhin er seinem glühenden Katholizismus und der damit einhergehenden republikanischen Gesinnung abschwor, um mit ihr zusammenzuleben und sie später sogar zu heiraten. Dieser grundlegende Wandel sorgte dafür, dass er zum Feind überlief, als der britische Geheimdienst an seine Tür klopfte. Der MI 5 versuchte damals sicherzustellen, dass sich die IRA an die Bedingungen des Karfreitagsabkommens hielt, und war daher an Joyces Kenntnissen über mögliche Waffenlager interessiert. Obwohl dieser sich kooperativ zeigte, galt er als unzuverlässig. Seine Zeugenbetreuer vom Geheimdienst unkten, dass er sie an der Nase herumführte und sein Gesinnungswandel vielleicht nichts anderes war als eine sorgsam errichtete Fassade. Gleichwohl erwiesen sich einige seiner Informationen als wertvoll, und er war schlau genug, nur nach und nach und in kleinen Dosen damit herauszurücken, um die Zeitspanne, in der er auf der Gehaltsliste des Geheimdienstes stand, möglichst lange auszudehnen.
Als Teil des Deals, den Joyce mit dem Geheimdienst ausgehandelt hatte, wurde ihm eine Wohnung in Kensal Rise im Nordwesten Londons zur Verfügung gestellt, inklusive Notrufschalter, den er drücken konnte, falls seine Deckung aufflog und ihm ehemalige IRA -Kollegen nachstellten.
Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages wurde tatsächlich der Alarm ausgelöst. Man schickte eine Sondereinsatztruppe in die Hanway Street, und als die Polizisten versuchten, sich Zutritt zu dem Gebäude zu verschaffen, wurden plötzlich Schüsse auf sie abgefeuert, die sie zum Rückzug zwangen. Die gesamte Straße wurde evakuiert und abgeriegelt.
Es war erst Eds zweiter offizieller Auftrag als Verhandlungsführer bei einer Geiselnahme. Bei seinem ersten Einsatz hatte er mit einem älteren Mann verhandelt, der sich mit seiner sehr viel jüngeren Frau in der gemeinsamen Wohnung verbarrikadiert hatte und sie mit einem Kricketschläger bedrohte. Der Mann war überzeugt, dass ihn seine Frau mit dem Nachbarn betrog, aber da der betreffende Nachbar seit mehr als zehn Jahren tot war, wurde Ed schnell klar, dass er es mit einem geistig Verwirrten zu tun hatte. Er redete dem Mann ein paar Minuten lang sanft zu, woraufhin dieser den Kricketschläger beiseitelegte – Krise gemeistert. Während sein erster Einsatz also keine große Herausforderung gewesen war, wusste Ed sofort, dass seine Ausbildung und sein Verhandlungsgeschick auf dem Prüfstand waren, als er an jenem Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages von dem Vorfall in der Hanway Street erfuhr.
Aufgrund der heiklen Lage sollte Ed von einem ganzen Team begleitet werden, das aus Verhandlungsführern von Scotland Yard und Antiterrorspezialisten des MI 5 bestand. Er traf als Erster vor Ort ein und bezog rasch Stellung in der provisorischen Kommandozentrale, die in einer Wohnung direkt gegenüber von Conor Joyces nicht länger geheimem Unterschlupf eingerichtet worden war. Inzwischen stand fest, dass seine Deckung tatsächlich aufgeflogen war und er sich in der Gewalt eines IRA -Killers befand.
Es wurde nie geklärt, ob den Killer Gewissensbisse überkamen, als er sein Opfer in Begleitung einer hochschwangeren Frau vorfand. Jedenfalls beschloss die »Zielperson«, wie der Killer im Geheimdienstjargon genannt wurde, seine Geiseln als Verhandlungsmasse einzusetzen. Wenn man ihm freies Geleit zu einem von ihm gewählten Ziel gewährte, würde er sie freilassen, sobald er dort eingetroffen war. Falls nicht, würden sie beide sterben. Der Killer hatte eine Handgranate bei sich, die er bereits entsichert hatte, und drohte, alle im Umkreis befindlichen Personen mit in den Tod zu reißen, falls ein Scharfschütze versuchen sollte, ihn zu erschießen.
Es war völlig ausgeschlossen, dass die britische Regierung die Flucht eines bekannten IRA -Killers vom Schauplatz einer Geiselnahme zuließ, daher machte sich Ed auf eine lange Verhandlung gefasst. Aber seine Zielperson spielte nach eigenen
Weitere Kostenlose Bücher