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9 Stunden Angst

9 Stunden Angst

Titel: 9 Stunden Angst Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Max Kinnings
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Spielregeln und wollte sofort zur Sache kommen. Trotz seiner Nervosität freute sich Ed auf die vor ihm liegende Aufgabe. Er plante, genau nach Vorschrift vorzugehen und einen fortlaufenden Dialog aufrechtzuerhalten. Er würde die Zielperson beruhigen, Vertrauen aufbauen und Informationen sammeln, indem er aktiv zuhörte, wie er es während seiner umfassenden Ausbildung gelernt hatte.
    Doch die Zielperson ähnelte keinem der Geiselnehmer, mit denen es Ed bei seinen Fallstudien zu tun gehabt hatte. Der Mann war ein hartgesottener IRA -Veteran, der über Leichen ging, um seine Ziele durchzusetzen. Und in diesem Moment bestand sein Ziel darin, aus der kleinen Wohnung im Nordwesten Londons zu fliehen, in der man ihn festhielt.
    »Ich heiße Ed Mallory, bin Verhandlungsführer und würde Ihnen gern helfen.« Name, Aufgabe, Intention – die Standarderöffnung, sobald der Telefonkontakt mit einer Zielperson hergestellt war.
    Die Stimme mit dem starken irischen Akzent drang laut und deutlich an seine Ohren. »Halt’s Maul, du verklemmter Schwanzlutscher, und lass mich mit deiner Psychoscheiße in Ruhe!«
    In diesem Moment wurde Ed klar, dass er eine beinharte Verhandlung vor sich hatte, die seine ganze List und Raffiniertheit erfordern würde. Es war unwahrscheinlich, dass diese Zielperson auf die Standardmethoden der Krisenintervention reagierte. Der Mann handelte nach einem vollkommen anderen moralischen Wertesystem als die Zielpersonen, die Ed bisher studiert hatte. Aber Ed war jung, noch keine dreißig, und zuversichtlich, dass er zu seinem Gesprächspartner durchdringen konnte. Er war ehrgeizig und wollte seinen Kollegen und Vorgesetzten beweisen, dass er das Zeug zum guten Verhandlungsführer hatte.
    Zunächst versuchte er, den Namen der Zielperson herauszufinden, erntete jedoch nur eine weitere Schimpftirade. Als er daraufhin erklärte, dass ihm die unflätige Ausdrucksweise des Mannes ganz und gar nicht gefalle, prasselten noch mehr Beschimpfungen auf ihn ein: »Schwachsinn, verpiss dich!« Was er auch unternahm, er drang nicht zu dem Killer durch, dessen Verhalten vollkommen unberechenbar war und keine erkennbare Logik aufwies. Auf Wut und Frust folgte übergangslos eine gelassene Distanziertheit. Ed hatte noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Er hatte eine jener seltenen Zielpersonen vor sich, von denen ein Kriseninterventionstrainer des FBI während eines Ausbildungsseminars berichtet hatte: absolut unempfänglich für sämtliche Verhandlungsmethoden. Freud hatte einmal über die Iren gesagt, sie seien unzugänglich für die Psychoanalyse. Vielleicht traf dasselbe ja auch auf Geiselverhandlungen zu.
    Die Zielperson äußerte eine klare Forderung und eine Frist: Wenn sie nicht bis vier Uhr nachmittags einen Anruf von Ed erhielt, der ihr mitteilte, dass ein Fluchtauto und anschließend ein Leichtflugzeug bereitstünden, das sie und ihre Geiseln an einen ungenannten Ort in der Irischen Republik brächte, würde die Handgranate hochgehen.
    Mit Fristen kannte sich Ed aus. Sie waren ein Schlüsselthema beim Erlernen von Geiselverhandlungen. Er wusste, dass die Behörden die Zielperson auf keinen Fall gehen lassen würden, was diese sicher ebenso wusste. Ihm blieb also die Wahl zwischen zwei Vorgehensweisen: Er konnte den Mann entweder hinhalten und behaupten, dass vier Uhr unrealistisch sei und er mehr Zeit brauche, oder er versuchte, sich den Respekt seines Gesprächspartners zu verdienen, indem er schonungslos ehrlich war und zugab, dass man seine Forderung nicht erfüllen würde. Ed entschied sich für die zweite Lösung und sagte die Wahrheit: Der Geheimdienst würde niemals zulassen, dass der Geiselnehmer auf freien Fuß kam.
    »Sie haben Zeit bis um vier«, wiederholte dieser, dann war die Leitung tot. Ed ließ seine Vorgesetzten und die inzwischen eingetroffenen Teammitglieder wissen, dass er es für das Beste hielt, die Zielperson kurz vor vier anzurufen und eine neue Frist mit ihr auszuhandeln, eine effektive Vorgehensweise, die er im Zuge seiner Ausbildung gelernt hatte. Alle stimmten zu.
    Als Ed um fünf vor vier den Hörer abnahm und die Nummer wählte, war er nervös. Er blickte zum Fenster von Conor Joyces Wohnung im ersten Stock hinüber, das nur rund zehn Meter entfernt lag. Die schmale Straße war menschenleer. Sämtliche Gebäude waren geräumt, nur die Scharfschützen starrten durch ihre Zielfernrohre auf dasselbe Fenster wie Ed.
    Ed konnte das Telefon in der Wohnung auf der anderen Straßenseite

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