9 Stunden Angst
öffnen. Wenn, wenn, wenn. Conor Joyces Frau verfolgte ihn seither jeden einzelnen Tag. Er hatte das Gefühl, am Tag ihres Todes in einen Kerker gesperrt worden zu sein. Er werde sich irgendwann mit seiner Blindheit abfinden, hatte man ihm immer wieder versprochen. Dreizehn Jahre waren seither vergangen, und er war der Akzeptanz seines Schicksals kein Stück nähergekommen. Wenn er es akzeptierte, konnte er vielleicht endlich wieder leben.
Nachdem man zunächst erwogen hatte, ihn in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken, zeigte sich der Geheimdienst großzügig und beförderte ihn sogar. Offenbar war den Zuständigen klar geworden, dass seine Fähigkeit, zuzuhören und mögliche Verhaltensmuster aus den Stimmen von Geiselnehmern herauszuhören, von seiner Blindheit eher verstärkt als behindert wurde. Der Wert seiner Aktie stieg also durch seine Erblindung, aber in Momenten des Zynismus und Selbsthasses argwöhnte er, dass Scotland Yard ihn nur behielt, um seine Behindertenquote zu erfüllen. Das war natürlich ungerecht. Gerechtfertigt war hingegen sein Verdacht, dass seine Kollegen insgeheim fanden, er sei selbst schuld an seinem Schicksal, habe während des Verhandlungsgesprächs das aktive Zuhören vernachlässigt, aus der Stimme der Zielperson nicht genug herausgehört, den Dialog nicht in Gang gebracht. Trotz seiner Verletzungen kehrte Ed also nicht als Held zur Arbeit zurück. Irgendwie konnte er sich des Verdachts nicht erwehren, dass man ihn nur pro forma beförderte. Sein neuer Dienstgrad klang zwar eindrucksvoll – Detective Chief Inspector –, doch er war hauptsächlich mit Nichtigkeiten beschäftigt. Regierungsangelegenheiten, unwichtiges Zeug. Die Verhandlungsführung bei Geiselnahmen wurde zur Besessenheit für ihn, einer Besessenheit, die er nur selten ausleben konnte. Die Anzahl der Situationen, in denen seine Expertise gefragt war, weil ein leitender Angestellter eines großen Erdölkonzerns gekidnappt worden war und in Nigeria festgehalten wurde oder ein Mitglied von Fathers 4 Justice mal wieder von einer militanten Aktion abgebracht werden musste, war beschränkt. Dabei lebte Ed nur noch dafür, das Leben Unschuldiger zu retten, die in Schwierigkeiten geraten waren. Doch je mehr junge Beamte die Ausbildung zum Verhandlungsführer bei Geiselnahmen und Krisensituationen absolvierten, desto mehr fühlte er sich ins Abseits gedrängt. Seine außergewöhnlichen Talente, seine Fähigkeit, zuzuhören und Dinge wahrzunehmen, die anderen entgingen, schienen nicht mehr so viel wert zu sein. Manchmal vergingen Monate, in denen seine einzige Berührung mit der Materie darin bestand, Vorträge zu halten oder hin und wieder ein Seminar zu leiten. Vielleicht war es ja Zeit für einen Berufswechsel? Andererseits waren die Karriereaussichten für einen blinden Polizisten über vierzig vermutlich nicht gerade rosig.
Ed erhöhte seine Geschwindigkeit auf dem Laufband um einen weiteren Stundenkilometer und sprintete in Gedanken durch den Park. Die Sonne schien von einem klaren, blauen Himmel auf ihn herab. Er fühlte sich gut. London sah hinreißend aus an diesem Morgen.
08.59 Uhr
Zug Nummer 037 der Northern Line, Fahrerkabine
George spähte zu Pilgrim hinüber, der neben ihm stand und gedankenversunken in den Tunnel starrte. Wieder meldete sich der Liniendisponent per Funk: »Null drei sieben, bitte klären Sie uns über Ihre Lage auf!«
»Können Sie den Typen abschalten?«, fragte Pilgrim.
George war dankbar, etwas zu tun zu haben, auch wenn es nur das Herunterdrehen der Lautstärke an der Funkanlage war.
»Schon besser. Bei dem Gequassel kann man ja nicht nachdenken. Das Licht können Sie jetzt eigentlich auch anschalten.«
George stellte den Funk komplett aus und knipste das Licht in der Fahrerkabine an. Er wurde nicht schlau aus Pilgrim. Aus seiner Stimme sprach die Freundlichkeit und Großzügigkeit eines Gastgebers, dem das Wohl seines Mitreisenden am Herzen lag, aber George fühlte sich alles andere als wohl. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde seine Klaustrophobie schlimmer.
Er wusste genau, was die Ursache dafür war. Bei vielen Klaustrophobikern ist der Auslöser ein traumatisches Erlebnis in einem engen Raum, zum Beispiel das Steckenbleiben in einem Aufzug. George hingegen hatte seine Phobie einer Kurzgeschichte zu verdanken, die er mit elf Jahren gelesen hatte. Er hatte das Buch, eine Kurzgeschichtensammlung von Edgar Allan Poe, aus der Schulbücherei ausgeliehen, und ihm waren die
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