9 Stunden Angst
dauerte. Er befand sich auf unbekanntem Terrain.
»Tja. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir nirgendwo mehr hinfahren«, sagte Pilgrim und klang, als täte es ihm aufrichtig leid.
»O Gott …«
»So ist es nun mal.«
George versuchte gar nicht erst, die Symptome zu vertuschen. Es war ihm schlicht unmöglich. Er war schweißgebadet und spürte, wie sein Herz immer schneller schlug und verschiedene Körperteile – vor allem Oberschenkel und Hintern – unkontrolliert zu zittern anfingen. Die größten Probleme bereitete ihm jedoch das Atmen. Seine ausgedörrte Lunge fand einfach nicht genügend Sauerstoff.
»Tief einatmen«, befahl Pilgrim und stieg über die Leiche des Azubis, um Georges Hände zu ergreifen. Pilgrims Hände fühlten sich rau an, offenbar war ihm körperliche Arbeit nicht fremd. Ohne zu blinzeln, sah er George in die Augen.
»Ein … und aus …« Er holte tief Luft, um George vorzumachen, wie es ging. Dann atmete er wieder aus, und George bemühte sich, es ihm gleichzutun. Während der ersten Atemzüge spürte er keinerlei Verbesserung, doch dann gab er sich dem langsamen, bewussten Rhythmus ganz hin und merkte, wie er ruhiger wurde. Die Angst blieb, aber die akute Panik ließ nach. Pilgrim schien sich aufrichtig um ihn zu sorgen und sogar so etwas wie Zuneigung für ihn zu empfinden. Das machte George Hoffnung und ließ ihn noch ruhiger werden. Dieser Mann wollte ihm tatsächlich helfen. Natürlich tat er das nur, weil er ihn noch brauchte. George beschloss dennoch, diesen Umstand als gutes Zeichen zu werten. Wenn er unverzichtbar war, ließ man ihn vielleicht am Leben. Das Wichtigste jedoch war, dass seine Familie am Leben blieb.
Die beiden Männer atmeten mehrere Minuten gemeinsam ein und aus.
»Jetzt geht es Ihnen bald wieder besser, George. Alles wird gut. Ihnen wird nichts Schreckliches widerfahren, ganz im Gegenteil. Also verzweifeln Sie nicht, haben Sie keine Angst. Sie müssen nur langsam und gleichmäßig weiteratmen und gesund und munter bleiben. Heute ist ein großer Tag, nicht nur für Sie und mich und alle Insassen dieses Zuges, sondern auch für die Völker der Erde, die die heutigen Ereignisse als Zeichen betrachten werden. Vertrauen Sie einfach auf Jesus Christus, dann wird alles gut.«
George zuckte kopfschüttelnd mit den Schultern.
»Sagen Sie bloß, Sie glauben nicht?«
»An was?«
»An wen! Die Frage lautet, an wen.«
»Keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen.«
»Auf Jesus Christus, wen sonst?«
»Nein, an Jesus Christus glaube ich tatsächlich nicht. Geht es darum bei der ganzen Sache: um Religion?« George drehte den Kopf und sah Pilgrim in die Augen. Sie wirkten nicht wie die Augen eines fanatischen Terroristen. George hatte natürlich noch nie einem Terroristen in die Augen geblickt, aber die Art, wie Pilgrim ihn ansah, hatte etwas Sanftes und Gütiges an sich, fast so, als hätte er Mitleid mit ihm, dem Ungläubigen.
»An irgendetwas müssen Sie doch glauben, George.«
»Ich glaube an die Natur, an Evolution, an die Wissenschaften. Ich glaube nicht an Übernatürliches.«
Pilgrim nickte. Sein Lächeln war nun einem nachdenklichen Gesichtsausdruck gewichen.
Bisher war George sein fehlender Glaube immer als tröstlich erschienen. Für ihn gab es keine kosmischen Enttäuschungen, keinen Selbstbetrug. Es gab keinen Gott, und er wusste es, hatte es immer schon gewusst. Woher also dieser Teil seiner Seele, der sich plötzlich nach einem Gott sehnte, an den er nicht glaubte? Woher dieser Drang zu beten? War er so verzweifelt, dass er sich an jeden Strohhalm klammerte? Was auch immer der Grund war, er konnte nicht anders: Er musste dafür beten, dass ihn irgendjemand, irgendetwas rettete.
»Ihre Klaustrophobie ist fürs Erste vorbei, oder?«
Die Frage überraschte ihn. »Jedenfalls ist sie schon viel besser.«
»Vielleicht glauben Sie tatsächlich nicht an Gott und haben auch noch nie an ihn geglaubt. Doch eines verspreche ich Ihnen: Bevor dieser Tag zu Ende ist, werden Sie an ihn glauben.«
George hätte sich beinahe zu einem »Niemals« hinreißen lassen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Er wusste, dass er kindisch und störrisch geklungen hätte. Es war unsinnig, diesen Mann gegen sich aufzubringen.
»Es ist nämlich so, George«, fuhr Pilgrim fort, »dass wir heute eine Revolution einleiten. Warten Sie’s ab. Und wenn Sie dann die Schönheit und Wahrheit sehen, die wir beide – Sie und ich – über die Menschen bringen, werden Sie nicht
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