9 Stunden Angst
Stirn ab und sah sich nervös um. Offenbar war er auf Blickkontakt mit anderen Fahrgästen aus, die ebenfalls immer unruhiger wurden, je länger der Zug im Tunnel stand. Der Mann mit dem Sportsakko ergriff als Erster das Wort.
»Wie lange stehen wir jetzt schon hier?«
Die Frage schwebte im Waggon, in dem eine immer drückendere Hitze herrschte. Neben Maggie saß ein großer Mann westindischer Abstammung, der einen Anzug und kurze, gepflegte Dreadlocks trug. Er blickte zu dem Mann im Sportsakko hinüber und antwortete: »Ungefähr eine Viertelstunde.«
»Oje …«, sagte der ältere Mann.
Maggie vermutete, dass seiner Nervosität irgendein psychisches Problem zugrunde lag – vielleicht hatte er Klaustrophobie.
Nun, da er einmal das Wort ergriffen hatte, sah er keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten. »Vielleicht sollten wir etwas unternehmen.«
»Und was?«, fragte die New Yorkerin.
»Woher soll ich das wissen?« Die Angst ließ ihn lauter werden als beabsichtigt. »Entschuldigen Sie bitte.« Er sah sich verlegen um. Zu seiner Nervosität kam nun auch noch die Scham über sein Verhalten.
Die New Yorkerin kehrte zu ihren Atemübungen zurück, und der Mann im Sportsakko schloss die Augen und wollte den Kopf nach hinten gegen das Fenster lehnen, schätzte die Entfernung jedoch falsch ein und knallte mit dem Hinterkopf gegen die Scheibe. Zunächst tat er so, als wäre nichts gewesen, aber dann öffnete er die Augen und sah Maggie an. Sie wandte den Blick ab.
Die Kinder liebten Mr. Pieces. Als sie letztes Jahr zu Bens fünftem Geburtstag dort gewesen waren, war es ein fröhlicher, unvergesslicher Abend gewesen. Maggie hatte die aufgeregten Gesichter ihrer Kinder beobachtet und ihren Spaß daran gehabt, wie sie unbeholfen beim Kellner ihr Essen bestellten. Sogar George – der in letzter Zeit recht still geworden war, besonders, wenn er einen Restaurantbesuch springen lassen sollte, den sie sich eigentlich nicht leisten konnten – war aufgetaut und hatte sich von seiner lustigsten und charmantesten Seite gezeigt. Er hatte mit den Kindern gespielt und sie zum Lachen gebracht. Maggie hatte sich an ihr erstes gemeinsames Date erinnert gefühlt, das ebenfalls in einem italienischen Restaurant stattgefunden hatte. Sie waren beide nervös gewesen und hatten zu viel getrunken: zwei Flaschen Wein und mehrere Gläser irischen Whiskey. Aber George war ganz Gentleman gewesen und hatte sie in ein Taxi gesetzt, das sie zu ihrer Wohnung nach West Kensington zurückbrachte, wo sie mit alten Studienfreunden in einer WG wohnte. Am nächsten Tag hatte er angerufen, um sich zu erkundigen, wie es ihr gehe und ob sie Lust habe, sich in ein paar Tagen wieder mit ihm zu treffen. Maggie hatte sich den ganzen Morgen gequält, weil sie erstens zu viel getrunken hatte und zweitens befürchtete, sich danebenbenommen zu haben. Umso erleichterter war sie über seinen Anruf. Natürlich wollte sie sich wieder mit ihm treffen! Schon nach ihrem ersten Abend mit George gab es für sie keinen Zweifel mehr: Sie hatte die Liebe ihres Lebens getroffen.
Maggie konnte über seine Witze lachen und mochte es, dass er sich selbst nicht so ernst nahm. Er war keiner dieser penetranten Typen, die London mit ihrem Ehrgeiz und ihrer Habgier vergifteten. Er wollte sich künstlerisch verwirklichen, seine Band zum Erfolg führen oder vielleicht ein Buch schreiben, und sie respektierte ihn dafür.
Auch wenn sich ihre Beziehung in den letzten Jahren sehr verändert hatte, sie liebte ihn noch immer. Manchmal wünschte sie sich allerdings, sie könnten sich ihre Liebe gegenseitig besser zeigen. Georges Problem bestand darin, dass er sich selbst im Moment nicht besonders mochte. Er fühlte sich schuldig, weil er nicht genug Geld verdiente. Außerdem hatte er das Gefühl, dass das Leben an ihm vorbeirauschte und seine künstlerischen Ambitionen im Sande verliefen. Bei ihrem letzten Streit – einem dieser Momente, in denen man plötzlich ungewollt mit der Wahrheit herausplatzt – hatte er ihr gestanden, wie unerfüllt und unglücklich er war. Seine Arbeit als U-Bahn-Fahrer ließ ihm viel Zeit für Träumereien, aber auch für kritische Gedanken. Maggie wünschte sich, er hätte mehr Selbstachtung gehabt. Das hätte das Leben aller Familienmitglieder vereinfacht.
Der Mann im Sportsakko hatte das Eis gebrochen, und die gesellschaftlichen Schranken fielen. Im ganzen Waggon entstanden Gespräche, die immer wieder von gezwungenem Gelächter unterbrochen wurden. Maggie
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