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9 Stunden Angst

9 Stunden Angst

Titel: 9 Stunden Angst Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Max Kinnings
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hielt den Kopf gesenkt. Sie wollte keinerlei Kontakt mit anderen Fahrgästen, weil sie Angst hatte, dass ihre Fassade bröckelte, sobald sie jemandem in die Augen blickte. Dann würde vielleicht alles aus ihr hervorsprudeln, auch die Tatsache, dass hinter der Tür zum Schlusswagen zwei bewaffnete und gefährliche Terroristen lauerten – oder Entführer oder was auch immer sie waren. Das durfte sie auf keinen Fall riskieren. Wer auch immer diese Menschen waren und was auch immer sie wollten, ihre Taktik war von brillanter Einfachheit: Sie verließen sich auf Georges und Maggies elterlichen Instinkte und ihr Bedürfnis, ihre Kinder unter allen Umständen vor Unheil zu beschützen. George als U-Bahn-Fahrer war unerlässlich für den Erfolg ihres Vorhabens. Er musste am Leben bleiben und bereitwillig ihre Befehle entgegennehmen, was er nur tat, weil man ihm erklärt hatte, Sophie und Ben würden irgendwo festgehalten und mit der Waffe bedroht.
    Nicht zu wissen, wo ihre Kinder waren, war die grausamste Folter, die Maggie je erlebt hatte. Dass sie hier in der U-Bahn von Menschen umgeben war, die ihr vielleicht hätten helfen können, ihre Kinder zu retten, war eine zusätzliche Qual. Die Tür zum Schlusswagen hatte einen Spion, und Maggie fragte sich, ob die Linse so gewölbt war, dass die Terroristen sie sehen konnten, obwohl sie seitlich unterhalb des Spions saß. Vielleicht wurde sie in ebendiesem Moment beobachtet.
    Bevor sie in den Zug gestiegen waren, hatte ihr der jüngere Mann mit den kurz geschorenen Haaren unmissverständlich klargemacht, dass er Sophie und Ben – er hatte sogar ihre Namen gekannt – töten würde, sobald sie versuchte, Kontakt zu anderen Fahrgästen aufzunehmen.
    Ihre Gedanken suchten krampfhaft nach etwas, woran sie sich festhalten konnte, irgendetwas Sicheres und Tröstliches. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie mit George, Sophie und Ben vor fast genau einem Jahr an ihrem gewohnten Ecktisch bei Mr. Pieces saß. Die Kellner warfen fröhlich ihre Metalltabletts auf den Boden und stimmten ihr Geburtstagsständchen an. Sie beobachtete Ben, der sich seit Monaten auf diesen Tag freute und seine Aufregung kaum zügeln konnte. Sophie kicherte, und an ihrem Mundwinkel hing ein Stück Mozzarella, das Maggie wegzupfte. Sobald das Geklapper der Tabletts auf dem Steinboden verhallt war, fingen die Kellner an zu singen:
    Happy Birthday to you …
    Sophie und Ben grinsten so breit, dass sie kaum mitsingen konnten. Andere Gäste des Restaurants stimmten mit ein …
    Happy Birthday to you …
    Maggie sah George an, und er erwiderte ihren Blick mit einem zärtlichen Lächeln. Seine Augen funkelten. Er griff über den Tisch und nahm ihre Hand. Das war Glück. Das war Sicherheit.
    Happy Birthday, lieber Be-en …
    Sie befanden sich dort hinter der Tür und hatten ihr ihre Kinder weggenommen, hatten ihre Familie zerstört. Maggie saß immer noch auf ihren Händen, deren Schweiß in den Sitz sickerte. Sie wollte schreien. Sie wollte sich mit den Fingernägeln das Gesicht zerkratzen und anschließend mit blutigen Händen gegen die Tür trommeln. Sie wollte die Beherrschung verlieren.
    Happy Birthday to you!
    Sophie und Ben jauchzten vor Freude, als ein Kellner mit der Geburtstagstorte an den Tisch trat. Die Lichter im Restaurant wurden gedämpft, und Ben durfte die Kerzen ausblasen.
    »Wünsch dir was!«
    Ben blinzelte, weil er so angestrengt nachdachte, und George drückte lächelnd Maggies Hand.
    Wünsch dir was.
    In diesem Moment machte George wieder eine Lautsprecheransage, wie er es im Laufe der letzten Stunde schon mehrmals getan hatte. Er versicherte den Fahrgästen, dass alles Menschenmögliche getan werde, um den Zug entweder vorwärts oder rückwärts aus dem Tunnel zu bekommen: »Wir bringen Sie so schnell wie möglich hier raus.« Maggie konnte die Angst in seiner Stimme hören.
    Seine Klaustrophobie wurde bestimmt immer schlimmer, und vielleicht hielt er es nicht mehr lange aus. Was passierte, wenn er durchdrehte? Falls nur der Mann mit den kurz geschorenen Haaren bei ihm war, kam es vielleicht zu einem Handgemenge. George war nicht mehr ganz so gut in Form wie früher, aber er war stark. Wenn sie wirklich nur zu zweit im Führerstand waren und kein weiterer Komplize hinzugestoßen war, gelang es ihm möglicherweise, den Kidnapper zu überwältigen. Diese Hoffnung war besser als nichts.
    Georges Stimme war nur noch ein Krächzen, als er sagte: »Ich melde mich wieder bei Ihnen,

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