Abtruennig
hatte, bereit uns ebenso in Dunkelheit zu tauchen. Ich folgte seinem Blick und erkannte, was er scheinbar so amüsant fand.
Es fing an zu schneien. Schnee im Oktober, das war eine willkommene, wenn auch eine etwas merkwürdige Abwechslung. In den letzten Tagen war es noch relativ warm gewesen war. Auch wenn ich für Politik und dergleichen nicht mehr sonderlich viel übrig hatte; die Klimaerwärmung schien nicht mehr aufzuhalten zu sein. Der Wind frischte augenblicklich auf und trieb mir unzählige kleine weiße Flocken ins Gesicht. Ich spürte es kaum.
Peter verkrampfte sich neben mir, alles an seinem Körper schien unter Spannung zu stehen. Die Muskeln auf seinen Armen zeichneten sich sogar unter dem dünnen Shirt ab, das er trug. Für meinen Geschmack war es zu eng, aber Peter war der wirkliche Gothicfan unter uns. Solange er in diesen Klamotten kämpfen konnte, sollte es mir gleich sein.
Ich starrte auf meine Armbanduhr. Noch zwei Minuten. Wir lauschten in die vermeintliche Stille hinein. Beinahe war nichts anderes zu hören als das Flüstern der fast schon winterlichen Böe, aber wir wussten, dass da noch etwas anderes in der Finsternis lauerte. Etwas Böses. Die Präsenz schlug uns spürbar entgegen.
Im Gebüsch neben uns raschelte es auf einmal. Eine Feldmaus lugte mit ihrem kleinen Köpfchen aus dem Gestrüpp hervor und nur so zum Spaß, schnappte Peter danach. Ohne hinzusehen wusste ich, dass er das Tier mit Leichtigkeit gefangen hatte. Er testete gern seine Reflexe. Als er den Nager wieder zurück auf die Erde setzte, rannte er um sein Leben, ohne zu wissen, dass er dem gefährlichsten Jäger bereits gegenübergestanden hatte. Peter grinste mich siegessicher an.
Ich warf ihm einen kurzen Blick zu und ermahnte ihn, auf der Hut zu sein. Der Vampir würde nicht so leicht zu überwältigen sein wie die Maus zuvor.
Noch eine Minute.
Wir bewegten uns lautlos über den verlassenen Friedhof, dem die unzähligen Jahrzehnte deutlich anzusehen waren. Zerfallene Grabsteine, die mit Moos und Efeu überwuchert waren, verschwanden teilweise im viel zu hohen Gras.
Dann war auf einmal etwas vor uns. Es war nur eine winzige Bewegung, verborgen in den Schatten der alten Kirche. Peter knurrte leise neben mir, er hatte es ebenso bemerkt. Es war also soweit. Der Turm verkündete im gleichen Moment einen neuen Tag. Mitternacht. Geisterstunde, wie passend. Während die Schläge der Glocke über uns durch die Nacht hallten, schlugen wir zu. Peter und ich stürmten in die alte Kirche und wir kamen, wie so oft, zum richtigen Zeitpunkt. Der Vampir starrte uns oben von der Kanzel aus an. Sein Blick wirkte verwirrt und angriffslustig zugleich. Zu meiner Überraschung war es nur ein Neuankömmling, ein schwacher Artgenosse, der schnell aus dem Weg geräumt war. Mit seinen glühenden Augen wirkte er bedrohlicher, als er es für uns war. Seine Fangzähne waren ausgefahren und Speichel tropfte ihm gierig von seinen Lippen. Er musste ein Opfer gefunden haben, doch ich konnte niemanden in der Kirche sehen, geschweige denn fühlen.
„ Überlass ihn mir, Nicholas!“ Peter sah mich aufgekratzt an. Ich nickte nur und er rannte sofort den Mittelgang entlang.
Mein Blick ging suchend umher und ich konzentrierte mich auf eine Spur. Doch da war nichts, kein Geruch, kein Geräusch – außer dem Kampfgeschrei meines Verbündeten, der den Neuankömmling bereits erreicht hatte. Es war seltsam. Wir hatten auf dem Weg niemanden gesehen und in der Regel verwandelten sich Vampire erst, wenn Blut in der Nähe war oder Gefahr drohte. Er konnte uns nicht bemerkt haben, dafür waren wir zu geschickt und seine Sinne waren noch nicht vollständig ausgereift. Ein Gefühl der Unruhe machte sich in mir breit. Es würde bedeuten, dass sie entweder aggressiver wurden oder er stand im Bann eines mächtigen Vampirs. Wusste er über uns Bescheid? Ich musste daran denken, was Jonathan letztens am Telefon gesagt hatte. Irgendetwas stand uns bevor. Blitzartig drehte ich mich herum. „Warte!“, schrie ich. Aber es war zu spät.
Der arme Teufel fiel von der Kanzel zu Boden. Peter hatte den Körper des Vampirs bereits mit seinem Schwert erwischt. Die Überreste des Neuankömmlings lösten sich in Rauch und Asche auf.
„ Was ist?“, fragte Peter irritiert.
Ich durchquerte eine Reihe mit Sitzbänken. „Ist dir nicht aufgefallen, wie bereit er gerade eben noch war?“
„ Das ist mir im Eifer des Gefechts wohl entfallen“, gestand er grinsend und sprang
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