Acacia 02 - Die fernen Lande
mancher wird entsetzt sein. Wird betrübt sein. Aber ich nicht! Ich nicht. Mich wird nichts überraschen. Ich bin derjenige, der überrascht, nicht der, der überrascht wird.
»Nun haben wir also die halbe Strecke zu den Anderen Landen hinter uns«, sagte er und hob dabei etwas die Stimme, so dass sie trotz des Stimmengemurmels gut zu hören war. »Wie gefällt Euch die Reise bisher, Euer Hoheit?«
Dariel, der ihm gegenüber an dem runden Tisch saß, grinste schief und antwortete für die versammelten Gildenmänner, Marineoffiziere, Beamte und Konkubinen. »Ich muss zugeben, dass ich beeindruckt bin«, sagte er. Einen Augenblick lang spielte er mit seinem Essen, schob gedankenverloren seine nicht unberührten Köstlichkeiten mit der Messerspitze auf dem Teller hin und her. »So etwas wie das Massiv hätte ich mir niemals vorstellen können. Wenn man sich vorstellt, dass die Gilde all diese Jahre immer wieder dort hindurchgesegelt ist …«
»Das ist doch gar nichts«, sagte Sire Neen. »Zumindest für uns. Für uns, die wir das Meer wirklich kennen.«
Dem Prinzen war nicht anzusehen, ob er die Beleidigung bemerkt hatte. In kindlicher Verwunderung schüttelte er den Kopf. »Und diese Kreaturen heute – einfach bizarr. Bestimmt träume ich heute Nacht von ihnen.«
Sire Neen tauchte einen Löffel in seine Suppe, eine klare Brühe, in der weiche, weiße Fischstücke schwammen. Den Löffel halb zum Mund geführt, meinte er: »Wenn Ihr schreiend aufwachen solltet, Prinz, schicken wir jemanden, um Euch zu trösten.«
Die junge Frau zur Linken des Prinzen berührte ihn mit einem Finger am Handgelenk und strich dann seinen Arm hinauf. »Ich wäre glücklich, mich darum kümmern zu dürfen«, gurrte sie. »Es geht doch nicht, dass der Prinz von Bestien träumt – nicht, wenn es viel angenehmere Dinge gibt, die einen heimsuchen können.«
Dariel neigte respektvoll den Kopf in ihre Richtung, antwortete jedoch nicht.
Sie erwiderte seinen Blick mit unerfreulich großer Begeisterung – zumindest aus Neens Sicht. Er hatte die Konkubinen angewiesen, sich dem Prinzen gegenüber in allem freundlich und großzügig zu zeigen. Allerdings wünschte er, sie täten dies nicht ganz so bereitwillig. Er schob sich den Löffel in den Mund, schloss die Augen und gab vor, von dem Geschmack der Suppe hingerissen zu sein. Er brauchte ein paar Augenblicke ohne den Anblick des Prinzen. Bei den Göttern, der Junge machte ihn rasend. So selbstgefällig. Solche vorgetäuschte Unschuld und Offenheit, als wäre er nicht der Mörder von Tausenden, als würden sie jemals die vergessen, die durch die Hand des Prinzen auf den Plattformen umgekommen waren.
Glücklicherweise hatte es zwei Gelegenheiten gegeben, da die einfältige Gelassenheit des Prinzen aus den Fugen geraten war. Beide Male war es eine Freude gewesen, dabei zuzusehen, und sich später daran zu erinnern, bot einen gewissen Trost.
Einer dieser Augenblicke war gekommen, als sie auf die Wellenberge des Massivs hinausgesegelt waren. Tatsächlich versetzte der Anblick den Gildenmann immer noch in Erstaunen, obwohl er es mittlerweile Dutzende von Malen erlebt hatte. Niemand wusste genau, wodurch diese Wellengipfel entstanden, doch die Kapitäne glaubten, dass irgendwelche Veränderungen des Meeresbodens tief unter der Wasseroberfläche die Strömungen darüber beeinflussten. Neun Tage von den Außeninseln entfernt und mit gutem Wind genau nach Westen segelnd, war die Ambra – so gewaltig sie menschlichen Augen auch erschien – nichts weiter als ein Korken gewesen, der auf einem grau-schwarzen, unergründlichen Ozean auf und ab hüpfte. Tagelang hatten sie dreißig oder vierzig Fuß hohe Wogen durchpflügt, an jener unsichtbaren Grenze jedoch hatte sich alles geändert.
Tief unter ihnen fiel der Meeresboden jäh ab, stieg steil an oder verlief wellenförmig; sie wussten es nicht. Was auch immer die Ursache war, das Ergebnis an der Oberfläche war, dass die Wogen sich zu Bergmassiven auftürmten, zu fast senkrechten Flächen, die Hunderte von Fuß hoch waren. Sie hinaufzufahren war, als schleiften sie knirschend über Felsen, langsam und schmerzhaft. Der Schiffsrumpf bebte vor Anstrengung, und jedes Mal befürchtete Neen einen Augenblick lang, das Schiff könnte wieder zurückgleiten. Natürlich tat es das nie. Hatten sie den Scheitel der Woge erreicht, ragte der schwere Busen der Ambra weit in die Luft hinaus, und Gischt umpeitschte die Menschen an Bord, wie eine Kreatur, die sie
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