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Acacia 02 - Die fernen Lande

Acacia 02 - Die fernen Lande

Titel: Acacia 02 - Die fernen Lande Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Anthony Durham
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vom Deck zu fegen trachtete. Und wenn das Schiff sich in das Wellental neigte, wurde die Abfahrt alsbald wahnsinnig schnell, und es erreichte eine Geschwindigkeit, die über alles hinausging, was an Land erreicht werden konnte. Die Ambra wurde zu einem rasenden Leviathan am Rande der Beherrschbarkeit, so schnell, dass das Wasser um das Schiff herumzischte, als versenge der vorübergleitende Rumpf es. Sie rasten abwärts, bis der Bug sich in den Fuß der nächsten Welle grub und das Vorderdeck etliche lange Augenblicke überschwemmt wurde, bevor es sich langsam wieder hob und aufrichtete. Dann begann alles von Neuem. Und dann wieder von Neuem.
    Sire Neen ging nur kurz an Deck, als sie in das Massiv einfuhren. Er hatte das Vergnügen, den ehrfürchtigen Ausdruck auf Dariels Gesicht zu sehen, als dieser die brodelnde Gewaltigkeit der Giganten anstarrte, die auf sie zugerollt kamen, Reihe um Reihe, so weit das Auge reichte. Kurz darauf zog sich Sire Neem unter Deck zurück und schloss die Augen, während er sich zu seiner Kajüte tastete. Er hielt das Bild von den bebenden Wangen und dem schlaff geöffnetem Mund des Prinzen in seinen Gedanken fest.
    Ja, das war ein Vergnügen, dachte Neen, während er noch immer auf demselben Mundvoll Fisch herumkaute und um ihn herum die Tischgespräche weitergingen. Er hörte sie, nahm auf irgendeiner Bewusstseinsebene auch das meiste auf, was gesagt wurde, doch der Mittelpunkt seines vom Nebel erweiterten Verstandes bewegte sich vollkommen frei anderswo. Auch der heutige Tag war das reinste Vergnügen gewesen. Wie nahe, Prinz, wie nahe Ihr daran wart, in die Mäuler von Teufeln gekippt zu werden. Wenn Ihr wüsstet …
    Gestern hatten sie das Massiv hinter sich gelassen, und das Meer wogte wieder in einer normalen Dünung. Obwohl die Wellen nach den meisten Maßstäben hoch blieben, versammelten sich viele der Reisenden an Deck, um die relative Ruhe des Ozeans zu bestaunen, verglichen mit dem, was sie gerade hinter sich gelassen hatten. Wieder durchpflügte die Ambra ruhig und gelassen auf ihrem Kurs die Wogen. Sire Neen hatte einige Zeit dagestanden und amüsiert Rialus Neptos beobachtet. Der Ratgeber war geisterhaft bleich, seine Wangen waren eingefallen, und seine Stimme klang rau – zweifellos das Resultat tagelanger Seekrankheit. Neen machte sich einen Spaß daraus, übers Essen zu reden, ein Thema, zu dem Neptos noch immer ein gestörtes Verhältnis zu haben schien. Es war ein kleines Vergnügen, Neptos zu peinigen, ein Zeitvertreib.
    Der Gildenmann hatte damit gerechnet, dass die Kreaturen an diesem Tag auftauchen würden, doch als es tatsächlich passierte, geschah es so unvermittelt, dass es ihm den Atem verschlug. Er hatte neben Rialus gestanden, als die Männer im Ausguck von den Krähennestern heruntergerufen hatten. Binnen eines Augenblicks veränderte sich der Ozean um sie herum. So weit das Auge in alle Richtungen reichte, brodelte und wogte und wallte das Wasser. Hunderte von riesigen Lebewesen brachen durch die Wasseroberfläche, schwammen schnell wie Delphine durch die Wellen. Doch das hier waren keine Delphine.
    »Sind das …«, ließ sich Dariels Stimme hinter ihnen vernehmen, zittrig und dünn. Der Prinz trat vor und umklammerte die Reling.
    Sire Neen warf ihm einen Blick zu. »Ja«, beantwortete er die unvollständige Frage. »Das sind Seewölfe. Eigentlich kein passender Name. Sie sind überhaupt nicht wie Wölfe. Genau genommen sind sie wie gar nichts, außer wie sie selbst.«
    Als er sich umblickte, waren die Kreaturen überall um das Schiff herum. Sie stiegen aus der Tiefe empor und nahmen hinter grünem Wasser, das wie flüssiges Glas erschien, rasch Gestalt an. Ihre Köpfe waren große knorrige Knollen aus wächsernem, rosafarbenem Fleisch, von Entenmuscheln überzogen, zerklüftet und von Meeresschleim bedeckt. Es war schwierig, vom Deck aus ihre Größe zu schätzen. Doch selbst aus dieser Höhe war klar, dass sie größer waren als sämtliche Wale, die man in den Gewässern rings um die Bekannte Welt oder auch draußen beim Vumu-Archipel zu Gesicht bekam. Doch sie waren keine Wale. Zum Schwimmen benutzten sie nicht nur die Flossen, die ihre langen Leiber säumten, sondern auch den Rückstoß des Wassers, das sie einsogen und wieder ausstießen. Sie schwollen an und entleerten sich, stiegen auf und versanken wieder, so dicht beieinander, dass schwer zu erkennen war, wo ein einzelnes Individuum anfing und wo es endete.
    »Seht sie Euch an«, sagte

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