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Acacia 02 - Die fernen Lande

Acacia 02 - Die fernen Lande

Titel: Acacia 02 - Die fernen Lande Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: David Anthony Durham
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lag ein Ausdruck belustigter Neugier.
    »Verzeiht«, sagte Sire Neen, »was habt Ihr gerade gefragt?«
    »Ich habe gefragt, ob Ihr noch irgendwelche anderen Überraschungen für mich auf Lager habt, Sire«, antwortete Dariel.
    Der Gildenmann unterdrückte den Drang, mit der Zunge über die abgerundeten Kuppen seiner Zähne zu fahren. Lächelnd begegnete er dem Blick des Prinzen, während ein paar andere ironische Bemerkungen machten. Würde es Euch überraschen dachte er, zu erfahren, dass ich mir jeden Morgen beim Aufwachen Euren Untergang vorstelle? Würde es Euch überraschen zu erfahren, dass ich keineswegs vorhabe, den Lothan Aklun Wiedergutmachung zu leisten? Stattdessen werde ich sie vernichten. Würde es Euch überraschen zu erfahren, dass Ihr als Geste des guten Willens einem Volk als Geschenk überreicht werdet, das Eure Seele verschlingen wird? Als Sklave, als Spielzeug, als Spielball für Ungeheuer? Würde es Euch überraschen zu erfahren, dass es keine größere Macht mehr auf der Welt geben wird als die Gilde, wenn die Aklun erst nicht mehr sind? Würde es Euch überraschen, wenn ich jetzt sagen würde: »Macht Eure Knie bereit, sich zu beugen, Prinz. Macht Eure Knie bereit?«
    Schließlich verstummten die anderen, und es war an Sire Neen, zu antworten. »Oh, gewiss«, sagte er. »Wenn ich Euch eines mit Bestimmtheit versprechen kann, Hoheit, dann dass Euch Überraschungen erwarten.«

11

    Was die Menschen anging, mit denen Barad Umgang pflegte, war er ziemlich wählerisch. Er mochte ehrliche Leute, die uneigennützig und moralisch und zum Mitgefühl fähig waren – Mütter und Väter, die liebten, Brüder und Schwestern, die sich umeinander kümmerten. Er wollte das Gefühl haben, dass man ihm zuhörte, wenn er sprach, und er wollte die Worte glauben, die man zu ihm sagte. Er mochte Menschen, die zwar allerlei Härten kennengelernt hatten, aber trotzdem noch die Fähigkeit besaßen, sich für sich und andere eine bessere Zukunft vorzustellen. Aus all diesen Gründen neigte er dazu, Angehörigen von Königshäusern aus dem Weg zu gehen. Eigentlich konnte er mit der Oberklasse generell nicht viel anfangen. Doch wenn man nach dem übergeordneten Wohl vieler strebte, musste man sich gelegentlich mit fragwürdigen Elementen abgeben.
    Aus diesem Grund hatte Barad auch eingewilligt, den jungen aushenischen König Grae am ersten Treffen der Gleichgesinnten teilnehmen zu lassen. Grae war Anfang zwanzig, ein Sohn König Guldans und dessen zweiter Frau sowie ein Halbbruder Igguldans. Zu jung, um in dem Krieg mitzukämpfen, der seinen Vater und seine älteren Brüder das Leben gekostet hatte, hatten er und sein jüngerer Bruder Ganet im abgelegenen Norden Aushenias überlebt. Während Hanishs Herrschaft war er zum Mann gereift, in einer Zeit, in der die Numrek sein Land nach Belieben durchstreift und es auf jede erdenkliche Weise erniedrigt hatten. Das musste seinen wunden Stolz noch mehr verletzt haben.
    In den Wirren kurz nach Hanishs Sturz hatte er sich als starker Anführer erwiesen. Nachdem er sein eigenes Land gesichert hatte, war er sogar durch die Gradthische Lücke marschiert und hatte die Mein-Feste Tahalia belagert. Und er hätte sie auch erobert, wenn Corinn nicht Mena mit Numrek-Truppen ausgeschickt hätte, um ihn davon abzuhalten. Zwar war Corinn schon aus Gründen der Stabilität damit einverstanden, dass er seinen Thron behielt, doch sie würde nicht zulassen, dass irgendjemand ohne ihre Einwilligung Grenzen verschob. Sie drängten ihn zurück nach Aushenia, erlaubten ihm jedoch, in seinem Land zu herrschen, wie es ihm beliebte – solange dies im Einklang mit den verschiedenen Erfordernissen des Reiches geschah.
    Falls Grae dankbar dafür war, dass er überlebt hatte und sich nun König nennen durfte, so zeigte sich das weder in seinem Gesicht noch in seinem Auftreten. In seinen arroganten blauen Augen war stets ein bisschen Verachtung zu erkennen. Barad nahm an, dass viele Frauen den jungen König recht anziehend fanden. Er hatte ein kräftiges Kinn und eine hohe Stirn, und seine Haare waren auffallend zerzaust, wie vom Wind, aber auf eine Weise, die wohl gerade Mode war. Es beunruhigte Barad, dass jemand mit einem Titel seine Ziele kannte, doch viele, denen er vertraute, hatten sich für den leidenschaftlichen Wunsch des Königs verbürgt, die Akarans gestürzt zu sehen. Und daher saß er dem Propheten jetzt an einem großen, niedrigen Tisch im Hinterzimmer einer Schenke in der Hafenstadt

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