Agrippina - Kaiserin von Rom
Namen befugt, dir als Lohn nicht nur die Freiheit zu versprechen. Du wirst nicht nur verbürgte Straflosigkeit erhalten, für alles, was du bislang getan hast. Nein, du wirst die feuchte Höhle im Aventin mit einem prächtigen Landsitz vertauschen, und du wirst deine Künste unterrichten können. Schüler aus allen Teilen des Imperiums werden zu dir strömen und deine Künste erlernen. Wie gefällt dir das?«
In den kleinen Augen der Alten blitzt es auf. Landsitz, Unterricht, bei den Göttern, welch ein Lohn! Von so etwas hat sie nie zu träumen gewagt. Hastig fragt sie nach: »Der Trank. So wie der letzte?«
»Er muss nicht ganz so schnell wirken. Sag uns, was du brauchst, und wir werden dir alles besorgen. Du wirst den Trank hier in deiner Zelle brauen. Ist die Sache erledigt, magst du deiner Wege gehen!«
Die Alte nickt.
***
Lautes, buntes Treiben erfüllt die Straßen und Gassen Roms. Weinselige Menschen torkeln über das Forum . Sie tanzen und singen und belästigen die Spaziergänger, die sich vor ihnen ängstlich in die Ecken drücken. Andere erleichtern sich zum Unwillen der Priester gar an den Tempeln oder bekritzeln die Häuser mit obszönen Sprüchen. Lärm, Musik und dröhnender Gesang hallen durch die engen Gassen, und wer das Treiben nicht liebt, hat sich längst auf seinen Landsitz zurückgezogen.
Auch der kaiserliche Palast ist davon erfüllt. Die langen zugigen Gänge sind geschmückt und hallen wider vom frechen Gesang der Sklaven, denn dies ist ihr Tag. Allerdings tut man gut daran, es nicht zu übertreiben oder gar den jungen Cäsar zu reizen, denn das Fest dauert nur drei Tage, und danach könnten Unannehmlichkeiten folgen ...
Nero hat sich mit seiner Familie und Freunden in das prächtig geschmückte Triclinium zurückgezogen, wo er auf seine Art mitfeiert. Vor den Türen und auf den Gängen stehen schlanke, blondhaarige Riesen, seine neue Leibwache. Seinen persönlichen Schutz mag er nicht den Prätorianern anvertrauen, das hat ihn die Geschichte mit Valerius gelehrt. Seine neuen Leibwächter sind ausschließlich Germanen. Sie beherrschen die Sprache der Römer zwar nur sehr lückenhaft, aber sie sind bereit, sich auf einen Wink des Cäsars für ihn in Stücke hauen zu lassen. Man kann nie wissen.
Entspannt lehnt der Kaiser sich zurück. Die ersten Wochen seiner Regentschaft kann man als gelungen bezeichnen. Seine erste Rede im altehrwürdigen Senat war mit viel Beifall aufgenommen worden. Er wisse nichts von Bürgerkriegen, Hass oder Rache und werde sich nicht zum Richter machen. In seinem Hause werde nichts käuflich sein, und die alte Günstlingswirtschaft und Postenjägerei schaffe er ab. Kriege wolle er nicht führen, die Gerichte von bestechlichen Richtern säubern und dem Senat alle Freiheiten lassen, die ihm zustünden. Das alles hatte er mit fester Stimme vorgetragen, und man hatte ihm nur zu gerne geglaubt. »Eine neue Zeit bricht an!«, hatten die alten Senatoren gerufen.
»Ich werde nach dem Testament des großen Augustus regieren«, versprach Nero unter dem Beifall der Senatoren, und ganz Rom himmelte den jungen Regenten an. Er hatte die Steuern herabgesetzt, kostenlos Getreide verteilt und prächtige Spiele ausgerichtet.An das Volk ließ er pro Kopf vierhundert Sesterzen austeilen, und die alten, aber verarmten Senatoren erhielten jährliche Gehaltszahlungen. Und als er dann auch noch die Gefahr, die durch die fernen Parther drohte, ohne Krieg bannte, lediglich durch Truppenbewegungen, jubelte das Volk ohne Grenzen.
» Utinam ne scriberem – Oh, könnte ich doch nicht schreiben!«, soll er ausgerufen haben, als er sein erstes Todesurteil unterschrieb. Dieses Wort makelloser Güte ging in Rom von Haus zu Haus, und die Menschen liebten ihn dafür. Den Bürgern Roms erschien der neue Cäsar rein und sauber wie ein funkelnder Stern, und die Güte des jungen Kaisers leuchtete in ihren Augen wie eine neue Sonne über seinem Volk.
Aber es gibt auch noch einen anderen Nero, der mit seinen Kumpanen nachts verkleidet durch die Straßen Roms zieht, anständige Frauen belästigt oder harmlose Passanten unter dem Gejohle seiner Freunde verprügelt. Die Filzmütze tief ins Gesicht gezogen, wartet er auf seine Opfer, die gerade von einem Gastmahl kommen. Aus der Finsternis des Gassenwinkels lösen sich plötzlich Schatten, umringen die Passanten und dreschen auf sie ein. Nur Sekunden dauert der Spuk, dann tollen die Schläger ausgelassen davon und verhöhnen ihre Opfer, die hilflos
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