Alaska
und knapp, geschäftsmäßige«
»Geschäftsmäßig und tüchtig, ja, das war er«, stellte Missy fest. »Erzählen Sie doch mal, wie es damals in der Cannery war.« Die Schilderung all der Geschichten, die Ah Ting und Sam Bigears ihren Familien erzählt hatten, erforderte Stunden. Von da an erhielt Missys flammende Rede über die Lachsindustrie eine sehr persönliche Note mit Anekdoten über den Besuch ihres früheren Liebhabers Will Kirby am Taku Inlet, der versucht hatte, die Besitzer in Seattle dazu zu überreden, den Lachsen wenigstens eine Überlebenschance zu lassen, und über die dramatischen Ereignisse beim Untergang der »Montreal Queen«. Missys Rede wurde zu einem wahren Höhepunkt während der Kampagne für Souveränität, denn die Zuhörer gingen nach Hause und erzählten Freunden und Nachbarn: »Sie sollten sich mal diese Peckham anhören. Die hat was drauf!«
Ein ganz persönlicher Höhepunkt war schließlich eine Massenversammlung in Seattle, auf der sie unbedingt die Unterstützung zweier Senatoren, Magnuson und Jackson, gewinnen wollte. Kaum war sie dem Flugzeug entstiegen, rief sie Tammy Venn an: »Tammy, es ist sehr wichtig. Ich will einen guten Eindruck machen, und ich brauche Ihren Rat.« Sie konnte es kaum fassen, als Tammy entgegnete: »Keine Sorge. Ich halte meine Rede gleich nach Ihnen. Ich werde dann alles zurechtbiegen, was Sie Falsches gesagt haben.«
»Sie wollen sich öffentlich für die Souveränität einsetzen? Und das in Seattle?«
»Aber ja.«
»Na dann viel Glück.«
Die beiden Frauen, die gegen Ende des Programms auftraten - die zähe kleine Sozialarbeiterin und die sanftmütige Dame der Gesellschaft -, lösten eine Sensation aus, ein starkes Eröffnungsfeuerwerk für die nun auch in Seattle anlaufende Diskussion über die Souveränität. Die örtlichen Zeitungen unterstrichen natürlich die Tatsache besonders, dass Tammy Venn die Schwiegertochter von Thomas Venn war, Direktor von Ross & Raglan und hartnäckiger Gegner der Eigenstaatlichkeit für ein so zurückgebliebenes Gebiet wie Alaska, wo sich die Hauptinteressen seines Unternehmens konzentrierten. Als Reporter Thomas Venn am nächsten Morgen um eine Stellungnahme zu Tammys Äußerungen baten, die wie eine Bombe eingeschlagen waren, sagte er streng: »Meine Schwiegertochter spricht nur für sich selbst, aber da sie Alaska schon in sehr jungen Jahren verlassen hat, konnte sie die neuesten Entwicklungen wohl auch nicht verfolgen.«
Als sich dieselben Reporter später auch auf Malcolm Venn stürzten, schien er von nichts zu wissen. »Meine Frau soll sich in der Öffentlichkeit für Souveränität ausgesprochen haben?« - »Ja!« riefen die Reporter wie im Chor, und Ve nn sagte: »Die ist ja völlig übergeschnappt. Ich werde sie mir heute Abend einmal vorknöpfen.« Dann musste er lachen: »Aber haben Sie schon mal versucht, ihr etwas auszureden?« Die Reporter wollten es genau wissen: »Sie sind also gegen die Souveränität Alaskas.« Jetzt wurde er wieder ernst: »Natürlich bin ich dagegen. Das ganze herrliche Gebiet muss Wildnis bleiben. Bei nur siebzigtausend Menschen bekommt man ja nicht einmal einen Gemeinderat zusammen, warum sollte man ihnen dann Souveränität geben?«
Wie Tammy diese Behauptung entkräftete, war am nächsten Morgen in der Zeitung zu lesen. »Ich habe immer geahnt, dass mein Mann nur sehr wenig über das Land weiß, wo ich geboren bin. Die Erhebung von 1950 zeigt, dass wir eine Bevölkerung von 12 8 . 643 haben. Ich bin ganz sicher, bis Ende des Monats habe ich ihn überzeugt, dass wir ein Anrecht auf Souveränität haben.« Am Wochenende darauf fand sich in den Zeitungen dann eine Aufnahme von einem gutgelaunten Tom Venn und seiner Frau Lydia in Begleitung von Malcolm auf der einen Seite, während die fesche Tammy, auf der anderen Seite ein Banner hochhielt, das Missy Peckham ihr gegeben hatte: Souveränität - sofort.
Dieses witzige Pressefoto löste eine überraschende Wende aus: Eines Tages betrat ein etwa fünfzigjähriger Geschäftsmann in einem Anzug aus blauer Serge und mit blankgewichsten schwarzen Schuhen das Hotel, in dem Missy untergekommen war, und stellte sich vor als Oliver Rowntree aus der Gütertransportbranche in San Francisco und hier in Seattle aus geschäftlichen Gründen, um Verhandlungen mit der Eisenbahn zu führen, die für die gesamte pazifische Ozeanküste von Wichtigkeit wären. Offensichtlich schien er überrascht, als er sah, dass die Person, die den ganzen
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