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Ambler by Ambler

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Titel: Ambler by Ambler Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ambler by Ambler
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hergerichteten Pseudo-Andenken völlig verdrängt wurden.
    Die offensichtlicheren Lügen standen in gotischen Lettern, eingebrannt auf einer Reihe von Hinweistafeln aus nachgedunkeltem Kiefernholz. Von zwei benachbarten »Kerkern«, die nach Süden hin mit Blick zum Meer lagen, hieß es, daß Edmond Dantés und der Abbé Faria dort inhaftiert gewesen seien. Der Mann mit der Eisernen Maske hatte einen Zwei-Zimmer-Kerker mit Kamin und Ausgucktürmchen bewohnt. Es stand auch zu lesen, wann die Gefangenen (lebendig oder tot) eingeliefert bzw. entlassen worden waren. Der Besucher wurde auch auf besonders interessante Details hingewiesen, so auf eine Tafel: man beachte den tunnel zwischen den kerkern von abbé faria und e. dantes. es handelt sich hier um den originaltunnel, der vom abbé selbst gegraben wurde, und um den fluchtweg von dantes, dem späteren grafen von monte christo. Als ich freundlich anzudeuten versuchte, daß das Ganze doch ein Witz sei, den man nicht allzu ernst nehmen sollte, wurde der Führer böse und hieb mit der Faust gegen die Mauer. » Voyons, Monsieur « , sagte er scharf, » ce n ’ est pas un roman, ça. «
    Das war eine massive Aufforderung, sich gläubig zu zeigen. Wer war dafür verantwortlich? Der übergeschnappte Kustos, auf dessen Konto auch die Ausgrabung des Tunnels ging, oder irgendein romantischer Bürokrat in Marseille? Dumas der Ältere hätte sich gewiß köstlich amüsiert. In meiner Sympathie für die schandbaren Franzosen ging ich daran, mich selbst lächerlich zu machen.
    Ich wohnte in einem einfachen Hotel an der Canebière und hatte von der Concierge ein nahegelegenes Café empfohlen bekommen. Das Café war dunkel und kühl, und der Mann hinter der Theke auch. Auf seinen Vorschlag hin bestellte ich einen Vermouth-Cassis und ließ mir von ihm Pokern beibringen. Es gefiel mir, doch die Feinheiten begriff ich erst, als er nach dem Zusammenzählen der Punkte lächelte. Wir hatten um Francs gespielt und nicht um Centimes, wie ich angenommen hatte. Mir war klar, daß er mich übers Ohr gehauen hatte, aber ich war nicht so mutig oder meines Französisch nicht sicher genug, um ihm das zu sagen. Als ich ihn, ein wenig kühl, fragte, wieviel ich für den Vermouth-Cassis schuldig sei, antwortete er mit einer großzügigen Geste, daß die Getränke auf seine Rechnung gingen.
    Anschließend im Hotelzimmer machte ich Kassensturz. Es war Mittwoch. Der p&o -Dampfer nach England würde erst Freitag morgen festmachen, und ich würde erst gegen Mittag an Bord gehen können. Ich bräuchte genug französisches Geld, um meine Hotelrechnung begleichen und ein Taxi zu den Docks nehmen zu können. Das Schiffsbillett war bezahlt, aber der Kabinensteward würde auf sein Trinkgeld verzichten müssen. Ich würde für die Heimreise ab Tilbury englisches Geld brauchen. Die Hotelkosten verstanden sich einschließlich Frühstück. Wenn ich für Verpflegung nichts mehr ausgäbe, könnte ich es gerade so schaffen. Falls auf der Hotelrechnung irgendwelche unerwarteten Extraposten auftauchten, dann würde ich wirklich in der Tinte sitzen.
    Vor dem Ausflug zum Château d’If hatte ich eine Tauchnitz-Ausgabe von Joyces Ein Porträt des Künstlers als junger Mann gekauft. Den Donnerstag verbrachte ich größtenteils mit diesem Buch. Zum Frühstück hatte es Brioches gegeben, aber am Nachmittag war ich schon wieder hungrig. Um mich von meinem Bauch abzulenken, dachte ich mir ein Attentat aus.
    Von meinem Eckzimmer konnte ich die Kreuzung überblicken, die von der Canebière und jener Seitenstraße gebildet wurde, in der mein Café lag. Vor meinem Fenster war ein schmaler Balkon mit gußeisernem Gitter. Zwischen den Stäben konnte ich genau die Stelle sehen, wo der Barmann den Damm überqueren würde, um zur Straßenbahnhaltestelle zu gelangen. Mit Hilfe des messingverschnörkelten Fußes der Stehlampe legte ich einen bestimmten Ausschnitt des Balkongitters fest und wartete, ein imaginäres Gewehr in der Hand, etwa eine Stunde, die sich schneidenden Straßenbahngleise genau im Blick behaltend. Der Barmann tauchte aber nicht auf, und ich wandte mich wieder James Joyce zu.
    Es war ein ziemlicher Schock, als ich einige Wochen später in der Wochenschau genau diesen Teil der Canebière mit den sich schneidenden Straßenbahngleisen wiedererkannte. Auf die Stelle, die ich für mein Attentat auf den Barmann gewählt hatte, war auch die Wahl des kroatischen Mörders von König Alexander von Jugoslawien gefallen. Der König

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