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Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)

Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)

Titel: Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Geert Mak
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hier verbracht. Für Charley waren die Bäume, ob tausend Jahre alt oder nicht, nur Objekte, an denen er sein Bein heben konnte. Für die anderen war alles in diesen Wäldern faszinierend: die Stille wie in einer Kathedrale, das Grüngold des vom Laub gefilterten Lichts, die Blitze, die sie zu sehen glaubten, wenn Vögel durch die Sonnenstreifen flogen, die tiefschwarze Dunkelheit der Nacht. »Aber in der Pechschwärze hört man es atmen, denn diese riesigen Wesen, die den Tag beherrschen und die Nacht bewohnen, sind lebende Wesen und haben Präsenz und vielleicht Gefühle und irgendwo tief innen auch eine Wahrnehmung, vielleicht eine Kommunikation«, schreibt Steinbeck in Die Reise mit Charley . Er empfand tiefe Ehrfurcht und fühlte sich doch auch geborgen – allerdings konnte er sich vorstellen, dass die Bäume manchen Menschen Unbehagen einflößten. »Es ist nicht nur die Größe dieser Mammutbäume, die ihnen Angst macht, sondern ihre Fremdheit.«
    Wir begnügen uns mit einem Spaziergang durch den tropfenden Wald. Die Stille zwischen den Stämmen ist massiv. Nein, beängstigend wirkt hier nichts, aber man spürt tatsächlich sehr deutlich die Gegenwart der gigantischen Organismen, die so still sind, so stark, und eine unvorstellbare Würde besitzen. Dieser Baum hat schon gelebt, als Karl der Große gekrönt wurde. Und der dort war schon ein Riese, als in Europa der Buchdruck erfunden wurde, die Pomo dieses Land beherrschten und der Portugiese Juan Cabrillo 1542 als erster Europäer die Küsten Kaliforniens betrat. Und jeder der Bäume hat gesehen, was danach kam.
    Eine ernste Gesellschaft, diese Wesen, die hier schon seit tausend Jahren zusammenstehen. Es sind keine Bäume, an die man sich gern anlehnen würde wie an eine liebenswürdige alte Eiche oder eine freundliche Platane. In dieser Welt ist und bleibt man ein Fremder. Alles sagt: Du bist eine Ameise, die sich an einem nassen Herbstnachmittag des Jahres 2010 für einen Augenblick hierher verirrt hat. Lass uns allein in unseren Zeitaltern und unserer Stille, lass uns allein.
    Die Route 101 ist die schönste in ganz Amerika. Es dämmert, und wir fahren in endlosen Windungen durch hohe Nadelwälder. Teilweise wurde die Trasse in die Hügel hineingegraben, dort kommt es uns vor, als würden wir uns immer tiefer in dieses Land schrauben wie ein Korkenzieher. Irgendwo taucht zwischen den Bäumen eine Lichtung mit der Ruine eines dunkelroten Hauses auf, daneben das Wrack eines kleinen Trucks, verrostet, mit platten, verwitterten Reifen. Es ist das gleiche GMC -Modell wie Rosinante. Im letzten Tageslicht erscheint wieder der Ozean, weiß aufblitzende Schaumkronen, dort braut sich etwas zusammen.
    Ja, wir sind wirklich in Kalifornien. Es ist neben Texas der eigenwilligste der Bundesstaaten. In gewisser Hinsicht gehört Kalifornien schon zum Pazifik, nicht mehr zum nordamerikanischen Kontinent, hier und dort liegt ein Hauch von Asien in der Luft. Für manche Küstenbewohner ist ihre Heimat buchstäblich ein Pazifikland: Wenn irgendwann das Ganz Große Beben Kalifornien an der San-Andreas-Verwerfung in zwei Teile zerreiße, dann, so stellen sie sich vor, werde der westliche wieder das sein, was er seinem Wesen nach ist, eine Insel im Ozean.
    Das funkelnde Licht, das Meer, die hohe Küstenlinie – all das beflügelt die Phantasie, der solche Vorstellungen entspringen, zudem war Kalifornien die Endstation des großen Trecks nach Westen – hier geht es nicht mehr weiter, also muss Kalifornien wohl das Gelobte Land sein, die wahr gewordene Utopie, die Erfüllung des amerikanischen Traums.
    Und hier geschieht tatsächlich Außergewöhnliches. Kalifornien gehört zu den zehn größten Wirtschaftsmächten der Welt. Es ist mit mehr als siebenunddreißig Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste amerikanische Bundesstaat. Los Angeles zählt trotz aller Probleme nach wie vor zu den vitalsten amerikanischen Wirtschaftszentren – nicht nur dank Hollywood als Hauptstadt der Unterhaltungsindustrie.
    Außer einer geologischen Verwerfung in Längsrichtung gibt es in Kalifornien auch eine kulturelle Verwerfung, die quer durch den Staat verläuft, ungefähr auf der Breite San Franciscos. Was die Mentalität der Bewohner angeht, unterscheidet sich das nördliche Kalifornien mindestens so stark vom südlichen wie, sagen wir, Dänemark von Italien. Das könnte auch etwas mit dem klimatischen Gegensatz zu tun haben: Der Norden ist relativ kühl und feucht, der Süden trocken und

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