Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
Mission District wirkt sie allerdings ein wenig fremd.
Die Missionsstationen wurden mit einer Straße verbunden, dem sogenannten Camino Real (Königsweg), von der Mission San Diego de Alcalá im Süden bis zur Mission San Francisco Solano in Sonoma. El Camino Real ist noch heute ein wichtiger Verkehrsweg; zu den modernen Highways, die ungefähr dem Verlauf der historischen Straße folgen, gehört auch die U.S. Route 101.
Nach den Missionsstationen entstanden ab dem späten 18. Jahrhundert ranchos , große Landgüter, auf denen Rinder und Pferde gehalten wurden. Hier liegen die Anfänge des kalifornischen Geldadels. Dabei wurde das Land den Ureinwohnern einfach weggenommen. In Nordkalifornien wollten auch die Russen neue Siedlungen gründen. Russische Seehundjäger waren um das Jahr 1810 sogar in der Nähe San Franciscos aktiv; ein Fluss etwa hundert Meilen nördlich der Stadt heißt nicht zufällig Russian River. Doch aus den russischen Ambitionen wurde nichts. Kalifornien war eben doch zu weit entfernt. Es blieb noch lange ein fast vergessenes Randgebiet, ein langer Streifen Landes im fernen Nordwesten des alten spanischen Weltreiches.
Und wie erging es den Ureinwohnern? Die einheimische Küstenbevölkerung zwischen San Diego und San Francisco de Asís bestand zu Beginn der Kolonisierung im Jahr 1769 aus mehr als 70 000 Menschen; 1821 waren es noch 18 000. Ein franziskanischer Missionar sagte dazu: »In Freiheit leben sie gesund, aber sobald wir sie zu einem christlichen Gemeinschaftsleben zwingen, werden sie dick und krank und sterben.«
So gering die Zahl der Ureinwohner auch war, ihr Einfluss auf die ursprüngliche kalifornische Landschaft sollte nicht unterschätzt werden. Das gilt zum Beispiel für den Yosemite National Park, eine waldreiche Gebirgslandschaft, die jahrhundertelang von den Ahwahneechee bewohnt und erst 1851 von den ersten Weißen »entdeckt« wurde. Auf den kurz danach aufgenommenen Fotografien sieht man eine liebliche, abwechslungsreiche Landschaft mit vielen Wiesen, lichten Wäldchen und einzelnen großen Bäumen. Sie war durch die Waldbrände entstanden, die von den Ahwahneechee regelmäßig gelegt wurden, um das dürre Gesträuch zu beseitigen. Auf diese Weise konnten sie ihre Jagdaussichten erheblich verbessern.
Schon in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde ihnen das Legen von Waldbränden verboten, und auf späteren Fotos sind die Folgen dieser Maßnahme deutlich sichtbar: Das Tal wuchs nach und nach zu, die Wälder wurden dichter, die Wiesen verschwanden. Und mit ihnen die Ahwahneechee. Nach 1851, so wurde gesagt, »machten sie keine Indianer mehr«. Auf den wenigen Aufnahmen von Ahwahneechee sieht man immer ältere Menschen, 1931 starb der Letzte von ihnen.
Jede Nation ist nach Ansicht des Anthropologen und Politologen Benedict Anderson eine »vorgestellte Gemeinschaft«, und das gilt auch für die verschiedenen Staaten der amerikanischen Föderation. Vielleicht ist Kalifornien auch deshalb so eigenwillig, weil die vorgestellte Gemeinschaft dieses Staates noch jung ist.
Das Zustandekommen der kalifornischen Flagge, mit einem Stern, einem Bären, den Wörtern California Republic und einem roten Streifen am unteren Rand, sagt viel über den Charakter der entstehenden Gemeinschaft: Die erste Fahne wurde eilig auf ein Stück groben Karton gemalt. Am 14. Juni 1846 hatten sich amerikanische Siedler in Sonoma gegen die Mexikaner erhoben – Mexiko, einschließlich Alta California, war 1821 von Spanien unabhängig geworden –, und die Aufständischen wollten buchstäblich Flagge zeigen. Sie brauchten nur drei Wochen durchzuhalten. Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg hatte begonnen, die reguläre Armee der Vereinigten Staaten rückte auch in Kalifornien immer weiter vor und übernahm schließlich die Kontrolle über das Gebiet; mit ihr kamen die Stars and Stripes . Die Bear Flag wanderte zusammen mit der California Republic ins Museum, war aber das Vorbild für die Flagge des späteren Bundesstaates Kalifornien.
Zu jener Zeit lebten in Kalifornien höchstens 15 000 Siedler, acht Jahre später waren es 300 000. San Francisco war bis 1848 ein verschlafenes Nest mit einem kleinen Hafen. Doch dann brach der Goldrausch aus, und er machte den Ort innerhalb von drei Jahren zur größten Hafenstadt an der amerikanischen Westküste. Auch Los Angeles verwandelte sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit von einem Provinzkaff in eine Weltstadt: 1884 hatte es noch 12 000 Einwohner, 1890
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