Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
schon 50 000 und im Jahr 1900 plötzlich mehr als 100 000.
Die Verbindungen zu den Gebieten östlich der Great Plains wurden rasch ausgebaut. Die erste über Land transportierte Post aus St. Louis, Missouri, erreichte San Francisco am 10. Oktober 1858 abends um halb acht – die Briefe waren »nur« fünfundvierzig Tage unterwegs gewesen. Zwei Jahre später brauchte der Pony Express, ein perfekt organisierter Kurierdienst mit berittenen Boten, für die 1670 Meilen von Saint Joseph, Missouri, nach Sacramento, Kalifornien, nur acht Tage; für die gesamte Strecke wurden etwa 75 Pferde und 40 Reiter benötigt. Die Gebühren waren hoch, nur sehr leichte Eilpostbriefe konnten transportiert werden, aber die Amerikaner waren stolz auf diesen einzigartigen Expressdienst. Mark Twain unternahm extra eine Postkutschenfahrt, um einen pony rider vorbeiflitzen zu sehen – » Like a belated fragment of a storm «.
Nach knapp anderthalb Jahren, im Oktober 1861, war der Pony Express schon Geschichte, denn in diesem Jahr war die Telegraphenverbindung der Western Union zwischen Missouri und Kalifornien fertiggestellt worden. Damit konnten selbst die schnellsten Pferde und Reiter nicht konkurrieren. Ebenso wenig wie mit dem Zug: 1869 wurde die transkontinentale Eisenbahnstrecke der Union Pacific und Central Pacific Railroad von Omaha, Nebraska, nach Sacramento vollendet. Später entstand sogar eine Schiffsverbindung zwischen Ost- und Westküste; 1914 fuhr das erste Dampfschiff durch den Panamakanal vom Atlantik zum Pazifik.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Kalifornien zu einem der reichsten amerikanischen Bundesstaaten. Alles verhieß eine glänzende Zukunft: die phantastischen Universitäten, die modernen Bewässerungsanlagen, die blühende Landwirtschaft, die ebenso blühende Filmindustrie, die vielen tausend Meilen Highway, die in den fünfziger und sechziger Jahren gebaut wurden, auch die zahllosen neuen Schulen – in manchen Jahren verging keine Woche, ohne dass mindestens eine eröffnet wurde. Kalifornien war nicht einfach einer der achtundvierzig und dann fünfzig Staaten. Es war ein Phänomen, nein, ein Traumbild – das große Ziel der Great Migration , der amerikanischen Irrfahrt zum Paradies im fernen Westen, die am Atlantik begonnen hatte und erst an den Küsten des Pazifik endete.
Steinbeck war vom Kalifornien des Jahres 1960 nicht sonderlich beeindruckt. In Die Reise mit Charley nörgelt er über die vierspurige Betonstraße, die »von rasenden Wagen gepeitscht wird«, und viele andere Neuerungen, die sein altes, geliebtes Kalifornien verschandeln. Niemals habe er sich »gegen den Wandel gestemmt«, schreibt er, »auch wenn er Fortschritt genannt wurde«, und doch habe er einen »Widerwillen gegen die Fremden, die das, was ich als mein Land empfand, mit Lärm und Tumult und den unvermeidlichen Ringen von Dreck und Müll überzogen«.
Einzig die Mammutbäume, die schon ausgewachsen waren, als Cäsar die Römische Republik zerstörte und als auf Golgota eine politische Hinrichtung stattfand, gehörten wirklich hierher. »Könnte das der Grund sein, warum die Mammutbäume hier alle so nervös machen? […] Für die Mammutbäume ist jedermann ein Fremder, ein Barbar.«
2
Es gießt wieder, der Regen prasselt auf die Dächer von Mendocino, einem historischen Touristenstädtchen an der nördlichen kalifornischen Küste. Es ist eine freundliche Ansammlung von Holzhäusern, darin hübsche kleine Läden und Restaurants, in denen ausschließlich organic health food auf den Tisch kommt. Alles sieht frisch und fröhlich aus, Gelb, Hellblau und Weiß herrschen vor, die Farben eines Ortes, der sich einer höheren Kultur verschrieben hat. Keine diners für Leute, die sich den Bauch mit Rührei und Steaks füllen, sondern Bistros mit französischen Chansons als Hintergrundmusik. Keine Allrad-Geländewagen, sondern ein Toyota Prius vor der Tür. Keine General Stores mit Eisenwaren und Dosensuppe, sondern feine Läden, die Käse und Wein aus aller Welt und dazu organic potatoe chips verkaufen, alles kunstvoll arrangiert. Nicht das » Drill, drill, drill « der Öllobby, sondern fast jede Woche ein aufsehenerregendes, zukunftsweisendes Projekt: Elektroautos, Sonnenparks, Maßnahmen gegen Lichtverschmutzung, öffentliche Fahrradmietsysteme.
Ungewollt ist dieser Teil Kaliforniens eine einzige Kritik am Rest der Vereinigten Staaten: Hier ist das Ende des Kontinents, es geht nicht weiter, wir müssen mit dem auskommen, was wir
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