Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
haben, aber das auf möglichst intelligente und angenehme Weise.
Wir setzen uns ins Moosse Café, an einem Vormittag wie diesem kann man sich wieder einmal die Zeitungen vornehmen. Während wir uns ökologisch unbedenklich verwöhnen lassen, lesen wir im San Francisco Chronicle die nächste Hiobsbotschaft: Für viele der tausend Jahre alten Mammutbäume könnte dieses Jahrhundert das letzte sein. Zu den ersten Auswirkungen der globalen Erwärmung gehört das Verschwinden des Küstennebels, auch hier in Kalifornien. Von ihm hängt jedoch der Fortbestand der Mammutbäume ab. Was auch immer diese Giganten in all den Jahrhunderten durchgestanden haben, ohne Nebel überleben sie nicht.
Ein Leserbrief im Press Democrat aus Santa Rosa ist nicht weniger pessimistisch: »Man braucht sich zum Beispiel nur anzusehen, wie großartig es den europäischen Gesellschaften mit ihrem Sozialismus geht. Sie brechen alle zusammen, direkt vor unserer Nase, genau wie wir.«
So lesen wir die Zeit weg, doch bald werden wir von zwei Paaren abgelenkt, die rechts von uns Platz genommen haben. Wir verstehen nicht, was sie sagen, aber ihre Mimik und Körpersprache ist schon interessant genug. Die Männer haben offensichtlich schlechte Laune, der Regen bringt wohl ihre Pläne durcheinander. Wahrscheinlich kommen sie nicht von hier, sondern aus dem Hinterland. Sie haben ausladende Unterkiefer, harte Gesichter, zeigen viel mit den Fingern, sie sind Macher. Die Frauen dagegen strahlen vor allem Hilflosigkeit aus: Sie lächeln ständig, und wenn sie etwas fragen, dann mit einem Kinderstimmchen, die Jüngere wedelt dabei mit den Händen, vor allem, wenn sie sich über etwas aufregt. Ihr ganzes Verhalten ist auf Aggressionsvermeidung ausgerichtet.
»Das ist ein anderer Typ als die handfesten Frauen, die wir in den diners von Montana und Dakota gesehen haben«, flüstert meine Frau. Die Pionierfrauen – und ihre Töchter und Enkelinnen – waren für ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bekannt. Was ist daraus geworden? In beinahe allen Reiseberichten von Europäern über die Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts ist die Rede von der – für europäische Begriffe – großen Eigenständigkeit der amerikanischen Frau. Sogar junge Mädchen durften ohne Begleitung lange Reisen unternehmen, in Frankreich zur Zeit Tocquevilles und Beaumonts undenkbar. Die größere Selbstständigkeit der Frauen erklärt sich vielleicht durch die Lebensumstände in den frühen Kolonien und später an der Frontier . Die Kolonisten und Pioniere lebten häufig relativ isoliert, weshalb soziale Normen weniger ins Gewicht fielen; außerdem war ihr Dasein sehr hart, jede Hand wurde für jede Art von Arbeit gebraucht, ob für das Ausbessern von Kleidungsstücken oder das Lenken der Pferdewagen. Eine strikte Aufgabenteilung, den traditionellen Männer- und Frauenrollen entsprechend, konnte man sich einfach nicht leisten.
In der Zeit der großen Einwanderungswellen konnten die Frauen ihre Position weiter stärken, unter anderem, weil Frauen oft schneller und leichter Arbeit fanden als Männer. Das 20. Jahrhundert brachte für Frauen erheblich verbesserte Bildungsmöglichkeiten; außerdem wurde im Jahr 1920 durch einen Zusatzartikel zur Verfassung endlich in allen Bundesstaaten das Frauenwahlrecht eingeführt. Und dank eines stetig wachsenden Angebots an neuen Geräten blieb vielen Frauen mehr Zeit für andere Dinge als den Haushalt.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Rückschlag.
In den amerikanischen Suburbs wurde schon 1945 ein neues Frauenbild geformt. Vorbei waren die Jahre der energischen Pionierinnen, der Arbeiterinnen, ohne die während des Krieges die industrielle Produktion zusammengebrochen wäre, und der »Amazonen«, wie Steinbeck sie nannte, die auf den Highways riesige Trucks lenkten. All diese Arbeit, hieß es nun, sei Männersache. Frauen, zumindest die verheirateten, bräuchten nicht zu arbeiten. In den ersten zwei Monaten nach Kriegsende wurden in der Flugzeugindustrie ungefähr achthunderttausend Frauen entlassen, in der Autoindustrie und anderen Sparten des produzierenden Gewerbes lagen die Zahlen ähnlich hoch. 1946 hatten schon mehr als zwei Millionen Frauen ihren Arbeitsplatz verloren.
In der von Wohlstand geprägten Nachkriegsepoche wurde die ideale amerikanische Frau neu definiert. Vor allem durfte sie nicht berufstätig sein. Denn als Berufstätige musste sie mit Männern konkurrieren, und das würde sie hart und aggressiv machen.
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