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Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)

Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)

Titel: Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Geert Mak
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Stattdessen sollte sie sich ihrer Familie widmen, ihrem Mann den Rücken freihalten und attraktiv bleiben, immer positiv und gepflegt, kein Härchen am falschen Platz. Ihr Vorstadt-Haushalt musste tadellos in Ordnung sein, der Mittelpunkt ihres Universums: der Familie. Wie die Rollen in diesem neuen Stück zu spielen waren – denn all das erinnerte nicht selten an Theater –, führten Filme und soap operas jeden Tag vor. Vater war der Anführer, der im Dschungel der freien Wirtschaft nach Beute jagte – der Teddy-Roosevelt-Mythos wurde unverändert in die zweite Jahrhunderthälfte versetzt –, Mutter umsorgte die Familie.
    Frauen wie Betty Draper, die arme Gattin des Büro-Machos Don Draper in der Sechziger-Jahre-Kostümserie Mad Men , nahmen diese Aufgabe sehr ernst. Das war trotz der Waschmaschinen, Staubsauger, Küchengeräte und anderer beglückender Errungenschaften der fünfziger Jahre nicht einfach. Ehefrauen wohnten oft recht weit von Verwandten und Freundinnen entfernt, die auf verschiedene Suburbs verteilt waren, so wie auch die schönen Häuser selbst weit weg von der eigentlichen Stadt standen.
    Die Männer erwarteten von ihren Frauen Abhängigkeit und Dienstbereitschaft. Vor allem aber änderte sich die Rolle des Kindes.
    Es lag an Pädagogen wie Benjamin Spock, dass in den Vereinigten Staaten der Nachkriegszeit – und in geringerem Maß und etwas später auch in Europa – die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes in den Mittelpunkt des erzieherischen Interesses rückten. In gewissem Sinn kehrten sich die Verhältnisse um: Nicht mehr die Umwelt sollte Anforderungen an das Kind stellen und ihm Grenzen setzen, sondern die Umwelt sollte sich an das Kind, die neue Hauptperson, anpassen.
    Spock wäre nie so populär geworden, hätten seine Theorien nicht ihre Wurzeln in amerikanischen Werten gehabt, im Individualismus und dem ausgeprägten Drang zur Selbstentfaltung. Schon seit Langem galten amerikanische Kinder als eigensinnig. 1938 klagte der niederländische Historiker Max Kohnstamm – später einer der Vordenker des vereinten Europa, damals als junger Nachwuchswissenschaftler mit einem Stipendium in Washington, D.C. – in einem Brief über »Amerikas Staatsfeind Nummer 1, progressive education «, die er bei einem Aufenthalt bei Freunden kennen gelernt hatte. Ein »Hexenkessel, Tyrannei und Guerillakrieg« seien das Ergebnis dieser Erziehung. »Wie scheue, ängstliche Schatten schleichen die Erwachsenen durch die Häuser, in denen die allmächtigen kindlichen Diktatoren regieren.«
    Das war acht Jahre, bevor Spocks Bestseller Säuglings- und Kinderpflege erschien. Aber Spocks Theorien verstärkten diese Tendenz und trugen viel dazu bei, dass die amerikanischen Frauen in ihre neue Rolle gedrängt wurden.
    Bis zu den fünfziger Jahren galt das Erziehen von Kindern nirgendwo auf der Welt als Vollzeitbeschäftigung, auch nicht in den Vereinigten Staaten. Frauen und Mütter hatten alle Hände voll mit anderen Dingen zu tun; vor allem in den ärmlichen, arbeitsintensiven Haushalten blieb ihnen nicht viel Zeit für die Beschäftigung mit den Kindern. Das änderte sich im Nachkriegsamerika. Die Erziehung der potentiellen Wunderkinder wurde zur Hauptsache erklärt und weder Kosten noch Mühen gescheut, um ihr Genie zur Entfaltung zu bringen.
    Daran hat sich bis heute wenig geändert. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer alten Bekannten, einer Niederländerin, die mit ihrem amerikanischen Mann in einem kalifornischen Vorort wohnte und zwei heranwachsende Kinder hatte. In ihrem Bekanntenkreis werde von Kindern erwartet, dass sie einer Idealvorstellung entsprechen, meinte sie; an der Ostküste sei es nicht anders. Natürlich würden Kinder auf möglichst gute Schulen geschickt, müssten hervorragende Leistungen erbringen und breit gefächerte Interessen haben; die Vorauswahl für die besten Universitäten beginne schon um das zehnte Lebensjahr herum. Die meisten Kinder erhielten ab vier Jahren Klavier- oder Violinunterricht, eigentlich gehörten auch Ballettstunden dazu. Ab einem Alter von sechs Jahren lernten dann viele Chinesisch, außerdem trainierten sie die verschiedensten Sportarten und engagierten sich im sozialen Bereich.
    »Unser Sohn hat schon in einer Suppenküche gearbeitet«, berichtete sie. Sie meinte, Kinder hätten nicht mehr die Chance, auf normale, kindliche Weise die Welt zu entdecken. »Ich weiß nicht, ob so ein Lernprogramm das allein Seligmachende ist.«
    Nicht zufällig

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