Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
Menschen sehr berührt und bislang unbekannte Empfindungen bei ihnen ausgelöst hatte, die sie noch nicht benennen konnten.
Zwei Jahre später folgte ein weiterer Trendsetter: Jack Kerouacs On the Road ( Unterwegs , 1959), ein locker gefügter Roman über die Irrfahrt zweier junger Außenseiter, des Erzählers Sal Paradise und seines Kumpels Dean Moriarty, quer durch Nordamerika. Steinbecks Charley-Projekt erinnert entfernt daran, aber die Intentionen sind völlig verschieden. Wo Steinbeck Askese und Schlichtheit betont, wird bei Kerouac nur konsumiert – vor allem Drogen, Sex und Musik; darin ist er typisch für eine neue Generation von Schriftstellern. Für Kerouac hat die Reise weder Zweck noch Ziel, es geht einzig und allein um das Reisen als solches, das Gefühl der Entwurzelung, die völlige Gleichgültigkeit gegenüber Normen und Erwartungen.
Weder in Steinbecks Briefen noch in seinem Reisebericht wird die neue Bewegung auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt, dabei sollte sie weniger als fünf Jahre später halb Amerika auf den Kopf stellen und auch in Steinbecks Familie Spuren hinterlassen. Falls er sie überhaupt wahrgenommen hat, dann wohl in erster Linie als eine weitere Erscheinungsform jener Dekadenz, an der »sein« Amerika zugrunde ging.
Die Anziehungskraft von Phänomenen wie James Dean oder Jack Kerouac erklärt sich auch durch den traditionellen amerikanischen Drang zur Selbstverwirklichung, die verinnerlichte Pflicht, etwas aus seinem Leben zu machen – eine Verpflichtung, die Steinbeck seinen Söhnen ständig vor Augen hielt und der sich selbst die Kinder unserer kalifornischen Freundin nicht entziehen konnten. Nur über das Wie der Selbstverwirklichung gingen die Meinungen auseinander, hier offenbarte sich ein tiefer Gegensatz zwischen den Generationen.
Für die Generation, die während der Depression und des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen war, bedeuteten Frieden, Arbeit und ein gewisser Wohlstand schon ein großes Glück. Das umfangreiche neue Bildungsangebot, der Berufsalltag in der modernen Wirtschaft und das Leben in den Suburbs waren für die meisten erwachsenen Amerikaner der fünfziger Jahre Herausforderung genug. Bei der Nachkriegsgeneration war das anders. Hunger zum Beispiel war etwas, das so gut wie keiner der Kerouac lesenden amerikanischen (und europäischen) Babyboomer je gekannt hatte. Ein Arbeitsplatz, ein Haus mit Garten und Doppelgarage, eine stabile Ehe – all dies war für sie nichts, was dem Leben Sinn verleihen konnte. Arbeit sollte wichtig und interessant sein, Wohnen Ausdruck bewussten Lebens, eine Liebesbeziehung eine Art ewige Flamme, gespeist aus heftigen Gefühlen, mit weniger wollte man sich nicht zufriedengeben. Der Ausdruck beat war damals schon in der Drogenszene bekannt, er bedeutete so viel wie »erschöpft« und »heruntergekommen«, häufig bezogen auf Süchtige, denen ihre Drogen ausgegangen waren. Durch Kerouac wurde beat zur Bezeichnung der neuen Generation, besser gesagt, jenes Teils dieser Generation, der nun den Ton angab. Kerouac leitete ihn unter anderem von beatific (»seligmachend«) ab; er wollte damit die Stimmung der beatniks beschreiben, die sich vom herrschenden Materialismus abwandten.
Der amerikanische Schriftsteller Lawrence Wright, der auch für den New Yorker schreibt, schildert in seinen »Babyboomer-Memoiren« In the New World , wie für seine Eltern und ihn während der fünfziger Jahre das Zeitalter von Resopal und Polyester, Whirlpool und General Electric, » no-iron shirts and no-wax floors « Einzug hielt. Armut und Unrecht, so glaubte man, würden von dieser Wohlstandsflut zwangsläufig hinweggespült werden, sogar Krankheiten und Unglück würden verschwinden.
Und doch: »In diesem Himmel auf Erden aufzuwachsen hieß, in einem Plastiksack zu leben«, schreibt Wright. »Man hatte das erstickende Gefühl des Eingeschlossenseins, als würde man seine ausgeatmete Luft immer wieder einatmen. Durch zu viel Ordnung und zu wenig Risiken wurde das Leben beengend und trivial – und das, obwohl wir doch angeblich in einer Welt der Freiheit und ungeahnten Chancen lebten. Das war die große Überraschung für die Generation meiner Eltern. In ihrer Vorstellung lebten wir in einer Idylle, die sie für uns geschaffen hatten, aber anstatt dankbar zu sein, wurden wir zornig, verwirrt und rebellisch.«
Berkeley entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren dieser Rebellion, und die Telegraph Avenue in der Nähe der Universität war
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