Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
der Ort, an dem man den Puls jener Zeit spürte. Bei Cody’s Books gab es alle Weisheit der Welt zu kaufen, das Caffe Mediterraneum, das älteste Café der Stadt, war das amerikanische Pendant zum Café de Flore in Paris. Stammgast Allen Ginsberg schrieb im Caffe Mediterraneum 1956 sein berühmtes Gedicht Howl ( Das Geheul ), eine Klage über das Schicksal des »anderen« Amerika, mindestens so einflussreich wie Kerouacs Unterwegs :
»I saw the best minds of my generation destroyed by madness,
starving hysterical naked,
Dragging themselves through the negro streets at dawn looking
for an angry fix […]«
Black-Power-Anhänger trafen sich in dem Café, die Free Speech Movement, mit der die internationale Studentenbewegung der sechziger Jahre begann, nahm hier ihren Anfang. Es war für kurze Zeit das Auge des Sturms.
Als wir durch die Telegraph Avenue fahren, ist davon nur noch wenig zu spüren, trotz der Verkaufsstände mit Hippie-Antiquitäten und wilden Punk-Attributen für den letzten Liebhaber eines angry fix . In manchen Eingängen hausen Obdachlose, anscheinend dauerhaft. Einige Schaufenster sind mit Brettern vernagelt, Cody’s Books wird zum Verkauf angeboten. Nur das Caffe Mediterraneum hat die Jahre des Niedergangs überstanden. Es ist ein großer, heller Raum, in dem ununterbrochen die Kaffee- und Cappuccinomaschine faucht, Dutzende von Gästen sich in eine Zeitung oder ein Notebook vergraben haben und an irgendeinem Ecktisch vielleicht gerade etwas sehr Schönes erblüht, wie das in guten Kaffeehäusern manchmal geschieht.
Das war die Welt meiner amerikanischen Freundin Edith. Die Allee im alten Teil Berkeleys, in der sie mit Lou wohnte, ist noch genauso friedlich und still wie früher, nichts als Gärten und ländliche Holzhäuser. Doch ihr eigenes Haus mit seinem durchdringenden Geruch nach Holz, Kaffee und staubigem Papier steht zum Verkauf. Die letzten Bestände ihres Antiquariats, eine Garage voller Weisheiten von Marx bis Marcuse, sind schon fortgeschafft worden, der Garten, in dem Edith und Lou so oft mit ihren alten Genossen diskutiert haben, entwickelt sich zur Wildnis.
Ediths Sohn Aron war einer der letzten Beatniks von Berkeley, behauptet er jedenfalls. Er hat mir einmal den Unterschied zwischen den Beatniks der fünfziger Jahre und den späteren Hippies erläutert. »Wir waren individualistisch und nonkonformistisch, wir entwickelten uns in alle möglichen Richtungen. Die Hippies waren typische Herdentiere. Uns interessierte die Zukunft, wir entdeckten die moderne Welt, die Hippies waren nostalgisch, sie zogen sich ins warme, sichere Gestern zurück. Und vor allem waren wir antibürgerlich, die Hippies haben sich nur wieder ihre eigene Bürgerlichkeit geschaffen.«
»Es war sicher nicht leicht zu rebellieren, wenn die Eltern selbst schon Rebellen waren«, sagte ich. Aron ist inzwischen ein respektabler Anwalt und hat zwei heranwachsende Kinder. Er lächelt ein wenig verlegen und erzählt, dass Edith sich einmal geweigert habe, in das Auto eines alten Freundes einzusteigen, weil sie es zu luxuriös fand.
Ediths anderer Sohn heißt David. Er ist seinen Grundsätzen treu geblieben. Seit dreißig Jahren unterrichtet er an den schwierigsten Problemschulen, zuerst an der Beaumont High School in Oakland, unter Kollegen besser als Killing Fields bekannt, heute an der Oakland Technical High School. Immer noch hält er seine Klassen im Zaum wie ein leichtfüßiger Boxer seinen Gegner, immer noch werden bei den Schülern Woche für Woche Pistolen und Messer beschlagnahmt, immer noch sind die Jungen und Mädchen laut – »wenn es still wird, passiert etwas Schlimmes«, sagen sie.
Er gibt nicht auf. »Wenn ich nicht mehr für Ruhe sorgen kann, wenn ich mit meinen Schülern und ihrer Welt nicht mehr zurechtkomme, dann sollte ich aufhören.«
Wie schon einmal in den neunziger Jahren begleite ich ihn einen halben Schultag lang. Damals arbeitete er noch in einer alten Baracke, die meisten Schüler waren ärmlich gekleidet, und ich weiß noch, wie er die Liste der Abwesenden durchging: » Ill. Ill. Jail. Don’t know. Ill. Jail. Ill …«
Auch seine heutigen Schüler sind fast ausnahmslos Afroamerikaner. Aber das Gebäude, in dem er unterrichtet, sieht sehr gut aus, die Schüler sitzen vor großen Monitoren, sie brüllen nicht mehr durch den Raum, sondern schicken sich SMS . Der König der Klasse ist ein auffallend gut gekleideter Junge ganz vorn, er begrüßt mich im Namen aller mit Handschlag. Die
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