Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
Gelegenheit zu einem glänzenden Geschäft mit gebrauchter Armeeausrüstung gehabt. Doch er habe abgelehnt, er wolle das Geld nicht, es würde die Familie nur korrumpieren. Ich erinnere mich, dass ich den beiden einmal Weintrauben mitbrachte, ohne zu wissen, dass gerade die mexikanischen Traubenpflücker streikten. Edith fuhr aus der Haut, als hätte ich ein Exemplar von Mein Kampf angeschleppt: Die Trauben seien rot von Blut. »Mach das nie, nie wieder!«
Über den Kommunismus diskutierten wir täglich, für Edith blieb das sowjetische Experiment eine faszinierende Alternative zu allem Schlechten in den Vereinigten Staaten. Nie habe ich sie davon überzeugen können, dass Menschen wie Lou und sie in der damaligen Sowjetunion wahrscheinlich bald hinter Gittern verschwunden wären; sie waren jüdische Intellektuelle, viel zu ehrlich und vor allem geborene Dissidenten, die in jedem Land zur Opposition gehört hätten.
Ich merkte schnell, dass längst nicht alle, die in der Friedens-, Umwelt-, Bürgerrechts- oder Dritte-Welt-Bewegung aktiv waren, so viel ideologischen Ballast mit sich herumschleppten. Viele standen in der sehr amerikanischen Tradition des sozialen Engagements, die zu den großartigen Seiten dieser Gesellschaft gehört. Was sie motivierte, waren ganz einfach Warmherzigkeit, Gerechtigkeitssinn und Hilfsbereitschaft, auch wenn sie sonst von Politik nichts wissen wollten. Einer dieser Aktiven hat es mir gegenüber so ausgedrückt: »Unsere Hilfskomitees und Bürgerinitiativen bestehen hauptsächlich aus anständigen Leuten, die nichts anderes wollen, als dass auch andere Menschen anständig behandelt werden. Aber sie können furchtbar wütend werden, wenn das nicht geschieht.«
So ist es bis heute. Man darf diese Gruppen und Grüppchen nicht unterschätzen. Sie waren es, die in Obamas erfolgreichem Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2008 die mühevolle Kleinarbeit leisteten.
Ein Aspekt des sogenannten anderen Amerika springt jedem Außenstehenden sofort ins Auge: die enorme Zersplitterung. Ob es um den Umweltschutz geht, Kritik an den Kriegen im Irak und in Afghanistan, Aktionen gegen Unterdrückung in Mittelamerika oder Hilfe für Obdachlose und illegale Einwanderer, in jedem dieser Bereiche sind allein in der kalifornischen Bay Aera Dutzende verschiedener Gruppen aktiv. Es gibt zwar einige Dachorganisationen, aber auch sie wissen kaum, wessen Aktivitäten sie eigentlich zu bündeln versuchen; konkrete Auskünfte über den Umfang der einzelnen Gruppen oder die Ergebnisse ihrer Arbeit sind schwer zu bekommen. Das informelle Netzwerk ist stark und dank der Möglichkeiten des Internets oft sogar außerordentlich erfolgreich, aber abgesehen davon haben die Gruppen untereinander so wenig Zusammenhalt wie lockerer Sand und sind teilweise ebenso ungreifbar.
Freiwillige all dieser Gruppen unterstützen regelmäßig die Wahlkampagnen ihrer Favoriten, natürlich gegen politische Zusagen. In den lokalen Wahlbüros kann man dann oft eine sehr bunte Gesellschaft antreffen. Aber so gut wie nie finden liberals oder progressives, oder wie auch immer sich die verschiedenen anderen Amerikas nennen mögen, zu einer breiteren Koalition zusammen. Denn auch das andere Amerika ist letztlich sehr amerikanisch, das heißt: individualistisch. Jeder bestellt sein eigenes Feld.
Vor langer Zeit hatte es einmal so etwas wie Einheit gegeben, jedenfalls mehr als heute. Lou hat mir einmal von der New Yorker Lower East Side seiner Jugend erzählt, Anfang der zwanziger Jahre. Die Grenzen seiner Welt lagen fünf Häuser weiter links und fünf weiter rechts; der jüdische Block stand zwischen einem polnischen und einem italienischen. Auf den Straßen überall Pferdefuhrwerke und Verkaufsstände. Sirupstangen waren die begehrteste Süßigkeit. Manchmal kamen zwei Straßenmusikanten mit einer Trompete und einer Violine vorbei und riefen zu den Fenstern hinauf: » Mom, may I have a dime ?« Dann öffneten die Frauen ihr Fenster und warfen eine 10-Cent-Münze hinunter. »Es gibt keinen anderen Ort, der so viele Journalisten und Politiker hervorgebracht hat wie die Lower East«, pflegte Lou voller Stolz zu sagen. »Dort lernte man, was Menschen einander antun können. Böses und Gutes.«
Er war seinen Idealen treu geblieben, hatte die ganze Entwicklung des anderen Amerika miterlebt, von den Aktionen gegen Zwangsräumungen während der Depression und den Boykotts gegen Deutschland und Japan – mit Mädchen, die japanische Seidenstrümpfe
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