Amerika!: Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten (German Edition)
anknüpften und das Militärische wieder in den Hintergrund trat, auch wegen der isolationistischen Neigungen vieler damaliger Politiker.
Noch 1948 hielt Geoffrey Gorer die Mehrheit der Amerikaner für antimilitaristisch. Nicht, weil sie nicht bereit gewesen wäre zu kämpfen, sondern weil sie Zwang hasste – und jeder militärische Apparat verlangt nun einmal ein hohes Maß an Disziplin und Gehorsam. Gorer hatte mit vielen GIs gesprochen, die gerade aus dem Krieg zurückgekehrt waren, und die meisten empfanden mehr Groll gegen ihre Vorgesetzten als gegen den Feind.
In den sechziger Jahren vollzog sich ein Wandel. War Patriotismus bis dahin ein Wert, über dessen Bedeutung stillschweigendes Einverständnis herrschte, wurde er nun zu einem verwirrenden und umstrittenen Begriff. Für die einen waren die Soldaten, die Südvietnam gegen den Kommunismus verteidigten, ebenso Patrioten wie die GIs des Zweiten Weltkriegs – zu dieser Ansicht neigte gegen Ende seines Lebens auch Steinbeck. Die anderen hielten die Kriegsdienstverweigerer für die wahren Helden, weil sie für die moralischen Werte der Vereinigten Staaten einstanden. 1973 setzte Präsident Richard Nixon die Wehrpflicht schließlich aus; seitdem haben die Vereinigten Staaten eine reine Berufsarmee. Aus » our army « wurde » them «.
Das hatte weitreichende politische, gesellschaftliche und auch psychologische Folgen. In den Jahren 1942 bis 1945 hat jeder zehnte Amerikaner auf irgendeine Weise am Krieg teilgenommen. Gut sechs Jahrzehnte später führt das Land die zwei langwierigsten Kriege, in die es jemals verwickelt war, und doch war bisher nur einer von zweihundert Amerikanern direkt oder indirekt daran beteiligt. Sergeant Todd Bowers hat es gegenüber der Washington Post so ausgedrückt: »Es ist ganz normal, dass in einem Saal mit hundert Leuten keiner jemals einem Irak- oder Afghanistanveteranen begegnet ist.«
In einer Rede an der Duke University in Durham, North Carolina, sagte der damalige Verteidigungsminister Robert Gates im September 2010: »Für eine wachsende Anzahl von Amerikanern ist der Dienst an der Waffe, wie lobenswert auch immer, zu etwas geworden, das andere tun.« Der Zusammenhang zwischen der amerikanischen Nation und denjenigen, die Amerikas Kriege führen, löse sich auf. »Für die meisten Amerikaner bleiben Kriege etwas Abstraktes, eine unerfreuliche Serie von Nachrichten aus der weiten Welt, die sie persönlich nicht betreffen.«
Das Auseinanderdriften von politischer Rhetorik und persönlicher Lebenswirklichkeit erklärt sich auch dadurch, dass auf dem Territorium der Vereinigten Staaten schon seit fast anderthalb Jahrhunderten kein Krieg mehr geführt worden ist. Und diejenigen, die gern behaupten, Europäer kämen von der Venus und Amerikaner vom Mars, sollten von Zahlen wie den folgenden eines Besseren belehrt werden: Allein im Ersten Weltkrieg starben auf französischer Seite 1,3 Millionen Soldaten – die Anzahl der amerikanischen Soldaten, die in allen Kriegen des Landes – mit Ausnahme des Sezessionskriegs – von 1776 bis heute gefallen sind, ist nicht halb so hoch. Im Zweiten Weltkrieg kamen 420 000 amerikanische Soldaten ums Leben, doch in beiden Weltkriegen zusammen weniger als 2000 amerikanische Zivilisten. In Polen lag die Zahl der getöteten Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs bei annähernd 5,5 Millionen. Während der elf Jahre amerikanischer Beteiligung am Vietnamkrieg starben etwas weniger als 60 000 amerikanische Soldaten. Dem insgesamt zwei Jahrzehnte währenden Krieg fielen mindestens fünfzehn- bis fünfzigmal so viele Vietnamesen zum Opfer, vermutlich zwischen 2 und 3,5 Millionen; die meisten von ihnen waren Zivilisten.
Während das Leben mehrerer Generationen von Europäern und Asiaten im 20. Jahrhundert von Kriegen und deren Folgen geprägt war, hat die große Mehrheit der Amerikaner – wenn man von Veteranen und ihren Familien und von Immigranten absieht – heute keine oder fast keine persönliche Erfahrung mit Krieg, nicht einmal aus zweiter oder dritter Hand. Ich erinnere mich an eine Reise durch Deutschland im Frühjahr 1999, als die NATO -Bombenangriffe auf Belgrad gerade begonnen hatten. Jeder, mit dem ich ins Gespräch kam, redete vom Krieg und erzählte von Kriegserlebnissen, den eigenen oder denen der Eltern oder Großeltern; durch die Fernsehberichte kamen sie wieder an die Oberfläche.
Das wäre in den Vereinigten Staaten undenkbar. Der schreckliche Sezessionskrieg ist ferne
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