Anita Blake 10 - Ruf des Bluts
aufzuschauen.
Zane und Cherry hatten sich neben mich gesellt und ließen ihn zu mir vor.
Ich nahm seine Hand und überlegte noch, was ich damit tun sollte. Sie schütteln war nicht das Richtige, sie küssen auch nicht. Ich überlegte fieberhaft, was für Leoparden typisch war. Mir fiel nur ein, dass sie sich häufig beleckten.
Ich hob seine Hand an meinen Mund und beugte mich darüber, drückte die Lippen darauf und leckte mit einem schnellen Zungenschlag. Der Geschmack kam mir bekannt vor. Im selben Moment wusste ich, dass Raina ihm die Haut geleckt, mit Lippen, Zunge und Zähnen über seinen Körper gefahren war.
Der Munin quoll in mir hervor, und ich wehrte ihn ab. Er wollte in diese Hand beißen, damit sie blutete, wollte es gierig auflecken wie eine Katze die Sahne. Das Bild war mir zuwider. Mein Entsetzen half mir, Raina fortzujagen. Ich drängte sie in mir zurück und begriff, dass sie mich nie ganz verlassen hatte. Darum kam sie so schnell in mir hoch. Ich spürte, dass sie in mir lauerte wie eine Krebsgeschwulst, das sich ausbreiten will.
Ich stand da mit dem Geschmack von Nathaniels Haut auf der Zunge und tat, was Raina nie getan hätte: Ich tröstete ihn. Ich hob sein Kinn an, bis ich sein Gesicht in beide Hände nehmen konnte, und küsste ihn auf die Stirn, küsste ihm die salzigen Tränen von den Wangen.
Er sank schluchzend gegen mich, klammerte sich an meine Beine und drückte sich an mich. Es gab einen Moment, wo Raina lebendig zu werden drohte, als ich Nathaniels Weichteile an meiner nackten Haut spürte.
Ich griff nach Richard, nach dem Band der Zeichen zwischen uns. Seine Macht kam auf meinen Ruf, streifte mich wie ein warmer Pelz. Sie vertrieb den verletzenden Geist.
Ich bot den anderen Leoparden meine Hände. Sie drückten ihre Gesichter hinein, rieben das Kinn daran, leckten mich wie Kätzchen. So stand ich da, mit drei Werleoparden an mich geschmiegt, und borgte mir Richards Kräfte, um Raina in Schach zu halten. Doch es passierte noch mehr. Seine Macht erfüllte mich, strömte durch mich hindurch in die Leoparden.
Ich war wie der Baum in der Mitte eines Feuers. Richard war die Flamme, und die Werleoparden wärmten sich daran. Sie nahmen die Wärme in sich auf, suhlten sich darin, nahmen sie als Versprechen.
Gefangen zwischen Richards Macht, den Bedürfnissen der Werleoparden und Rainas furchtbarer Berührung, die wie ein ekelhaftes Parfüm an mir haftete, betete ich: Lieber Gott, mach, dass ich sie nicht enttäusche.
24
Die verschobene Begrüßungszeremonie war für heute Abend angesetzt. Eines musste man über die Monster wissen: Man hatte ihre Gesetze zu befolgen. Die Gesetze sagten, wir brauchten eine Begrüßungszeremonie, also, Menschenskind, dann gab es auch eine. Ob da rachsüchtige Vampire oder korrupte Polizisten lauerten oder die Hölle einfror, wenn ein Ritual zu befolgen, eine Zeremonie abzuhalten war, dann tat man das. Die Vampire waren schon schlimm mit ihrer kultivierten Art, einem die Kehle rauszureißen, aber die Werwölfe standen ihnen kaum nach.
Ich hätte eine Auszeit befohlen und gesagt: Zum Teufel damit, versuchen wir lieber, den Fall zu lösen. Aber ich hatte nicht das Sagen. Dass ich über zwanzig Vampire gegrillt hatte, machte mich nicht zum Platzhirsch, äh Leitwolf, auch wenn Vernes Einladung sehr, sehr höflich ausgefallen war. Colin war nicht der Einzige, der mich jetzt fürchtete.
Dass ich fast alle von Colins Vampiren getötet hatte, bedeutete, dass Vernes Rudel jetzt die Oberhand hatte. Er hatte genug Personal, um Colin daran zu hindern, neue Vampire hervorzubringen. Und da auf diesem Territorium kein Band zwischen Vampiren und Wertieren bestand, konnte der jeweils Stärkere über die anderen herrschen. Bis gestern hatten sich die Wölfe vor Colin geduckt, jetzt war es umgekehrt, und nach Vernes Gesichtsausdruck zu urteilen, würde das kein Zuckerschlecken werden.
Es war eine dieser heißen Augustnächte, wo es vollkommen still ist. Die Welt sitzt in der Dunkelheit, als hielte sie den Atem an, und wartet auf die kühle Brise, die nicht kommen will.
Doch unter den Bäumen war Bewegung. Nicht vom Wind. Da krochen Leute umher. Nein, keine Leute, Werwölfe. Alle waren noch in Menschengestalt, aber man hätte keinen mit einem Menschen verwechselt. Sie glitten zwischen den Baumstämmen umher wie Schatten, schlichen nahezu lautlos durchs Unterholz. Hätte auch nur ein leichter Wind
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