Anna Karenina
es geht mir
wie einem Hungernden, dem auf einmal ein reiches Mahl vorgesetzt wird und der nun nicht weiß, wonach er zuerst
greifen soll. Das reiche Mahl, das bist du und die Gespräche, die ich mit dir zu führen gedenke und die ich bisher
mit niemand führen konnte; und da weiß ich gar nicht, welches Gespräch ich zuerst in Angriff nehmen soll. Mais je
ne vous ferai grâce de rien. 2 Ich habe ein
Bedürfnis, alles auszusprechen. Ja, ich muß dir doch zunächst eine Skizze der Gesellschaft entwerfen, die du bei
uns vorfindest«, begann sie. »Ich fange mit den Damen an. Da ist die Prinzessin Warwara. Du kennst sie, und ich
weiß, wie ihr beide, du und Stiwa, über sie denkt. Stiwa sagt immer, Warwaras ganzer Lebenszweck bestehe darin,
nachzuweisen, daß sie besser sei als Tante Katerina Pawlowna; das ist ganz richtig; aber sie hat ein gutes Herz,
und ich bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es eine Zeit, wo ich notwendig eine Dame der Gesellschaft zur
Freundin haben mußte. Da war sie zur Stelle. Aber sie hat wirklich ein gutes Herz und hat mir meine Stellung
wesentlich erleichtert. Ich sehe, daß du die ganze Schwierigkeit meiner Stellung nicht überblickst ... ich meine,
dort, in Petersburg«, fügte sie hinzu. »Hier bin ich vollständig ruhig und glücklich. Nun, aber davon später. Ich
muß dir doch unsere Gäste weiter aufzählen. Dann kommt Swijaschski; er ist Adelsmarschall und ein sehr verständiger
Mensch; aber er hat Alexei nötig. Du verstehst, bei seinem Vermögen kann Alexei jetzt, wo wir auf dem Lande wohnen,
einen großen Einfluß ausüben. Ferner Tuschkewitsch; du hast ihn schon gesehen, er verkehrte viel bei Betsy. Jetzt
hat man ihn dort abgeschoben, und er ist nun zu uns gekommen. Er ist, wie Alexei zu sagen pflegt, einer von den
Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie für das nimmt, was sie scheinen möchten; et puis, ›il est comme il
faut‹ 3 , wie die Prinzessin Warwara sagt. Dann
Weslowski ... den kennst du. Ein sehr netter junger Mensch«, sagte sie, und ein schelmisches Lächeln spielte dabei
um ihre Lippen. »Was ist denn das für eine tolle Geschichte, die er mit Ljewin gehabt hat? Weslowski hat Alexei
davon erzählt; aber wir glauben es nicht recht. Il est très gentil et naïf 4 «, sagte sie wieder mit demselben Lächeln. »Die Männer müssen Unterhaltung haben, und
Alexei braucht ein Publikum; darum ist mir diese ganze Gesellschaft wertvoll. Es muß bei uns lebhaft und heiter
zugehen, und Alexei darf nicht dazu kommen, nach etwas Neuem zu verlangen. Ferner wirst du den Verwalter zu sehen
bekommen. Er ist ein Deutscher, ein sehr braver Mensch, und versteht seine Sache. Alexei schätzt ihn sehr. Dann der
Arzt, ein junger Mensch, nicht eigentlich vollständiger Nihilist, aber, weißt du, er ißt mit dem Messer ... jedoch
ein sehr tüchtiger Arzt. Dann der Baumeister ... Une petite cour. 5 «
Fußnoten
1 (frz.) Sie ist ganz allerliebst.
2 (frz.) Aber ich werde dir nichts
ersparen.
3 (frz.) und außerdem benimmt er sich so,
wie es sich gehört.
4 (frz.) Er ist sehr liebenswürdig und
naiv.
5 (frz.) Ein kleiner Hof.
20
»Nun, Prinzessin, da bringe ich Ihnen auch Dolly, mit der Sie so gern zu reden wünschten«, sagte Anna, als sie
mit Darja Alexandrowna auf die große steinerne Terrasse hinaustrat, wo die Prinzessin Warwara im Schatten an einem
Stickrahmen saß und an einem Sesselbezug für den Grafen Alexei Kirillowitsch arbeitete. »Sie sagt, sie wolle vor
dem Mittagessen nichts genießen; aber lassen Sie nur doch etwas zum Frühstück herbringen, und ich werde unterdessen
Alexei suchen und sie alle herholen.«
Die Prinzessin Warwara empfing Dolly freundlich und etwas gönnerhaft und begann ihr sofort auseinanderzusetzen,
sie habe sich bei Anna deshalb zu längerem Aufenthalte niedergelassen, weil sie immer eine größere Zuneigung zu ihr
gehabt habe als ihre Schwester Katerina Pawlowna (eben die, bei der Anna erzogen worden war); und jetzt, wo sich
alle von Anna losgesagt hätten, halte sie es für ihre Pflicht, ihr in dieser besonders schweren Zeit des Überganges
behilflich zu sein.
»Sobald ihr Mann in die Scheidung willigt, kehre ich wieder in meine Einsamkeit zurück; aber jetzt kann ich hier
nützlich sein und erfülle meine Pflicht, so schwer es mir auch wird; ich mache es eben nicht wie andere Leute. Und
wie lieb von dir, daß du hergekommen bist; daran hast du wirklich ein gutes Werk getan! Sie leben völlig wie
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