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Anna Karenina

Anna Karenina

Titel: Anna Karenina Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lew Tolstoi
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es geht mir
    wie einem Hungernden, dem auf einmal ein reiches Mahl vorgesetzt wird und der nun nicht weiß, wonach er zuerst
    greifen soll. Das reiche Mahl, das bist du und die Gespräche, die ich mit dir zu führen gedenke und die ich bisher
    mit niemand führen konnte; und da weiß ich gar nicht, welches Gespräch ich zuerst in Angriff nehmen soll. Mais je
    ne vous ferai grâce de rien. 2 Ich habe ein
    Bedürfnis, alles auszusprechen. Ja, ich muß dir doch zunächst eine Skizze der Gesellschaft entwerfen, die du bei
    uns vorfindest«, begann sie. »Ich fange mit den Damen an. Da ist die Prinzessin Warwara. Du kennst sie, und ich
    weiß, wie ihr beide, du und Stiwa, über sie denkt. Stiwa sagt immer, Warwaras ganzer Lebenszweck bestehe darin,
    nachzuweisen, daß sie besser sei als Tante Katerina Pawlowna; das ist ganz richtig; aber sie hat ein gutes Herz,
    und ich bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es eine Zeit, wo ich notwendig eine Dame der Gesellschaft zur
    Freundin haben mußte. Da war sie zur Stelle. Aber sie hat wirklich ein gutes Herz und hat mir meine Stellung
    wesentlich erleichtert. Ich sehe, daß du die ganze Schwierigkeit meiner Stellung nicht überblickst ... ich meine,
    dort, in Petersburg«, fügte sie hinzu. »Hier bin ich vollständig ruhig und glücklich. Nun, aber davon später. Ich
    muß dir doch unsere Gäste weiter aufzählen. Dann kommt Swijaschski; er ist Adelsmarschall und ein sehr verständiger
    Mensch; aber er hat Alexei nötig. Du verstehst, bei seinem Vermögen kann Alexei jetzt, wo wir auf dem Lande wohnen,
    einen großen Einfluß ausüben. Ferner Tuschkewitsch; du hast ihn schon gesehen, er verkehrte viel bei Betsy. Jetzt
    hat man ihn dort abgeschoben, und er ist nun zu uns gekommen. Er ist, wie Alexei zu sagen pflegt, einer von den
    Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie für das nimmt, was sie scheinen möchten; et puis, ›il est comme il
    faut‹ 3 , wie die Prinzessin Warwara sagt. Dann
    Weslowski ... den kennst du. Ein sehr netter junger Mensch«, sagte sie, und ein schelmisches Lächeln spielte dabei
    um ihre Lippen. »Was ist denn das für eine tolle Geschichte, die er mit Ljewin gehabt hat? Weslowski hat Alexei
    davon erzählt; aber wir glauben es nicht recht. Il est très gentil et naïf 4 «, sagte sie wieder mit demselben Lächeln. »Die Männer müssen Unterhaltung haben, und
    Alexei braucht ein Publikum; darum ist mir diese ganze Gesellschaft wertvoll. Es muß bei uns lebhaft und heiter
    zugehen, und Alexei darf nicht dazu kommen, nach etwas Neuem zu verlangen. Ferner wirst du den Verwalter zu sehen
    bekommen. Er ist ein Deutscher, ein sehr braver Mensch, und versteht seine Sache. Alexei schätzt ihn sehr. Dann der
    Arzt, ein junger Mensch, nicht eigentlich vollständiger Nihilist, aber, weißt du, er ißt mit dem Messer ... jedoch
    ein sehr tüchtiger Arzt. Dann der Baumeister ... Une petite cour. 5 «
Fußnoten
    1 (frz.) Sie ist ganz allerliebst.
    2 (frz.) Aber ich werde dir nichts
    ersparen.
    3 (frz.) und außerdem benimmt er sich so,
    wie es sich gehört.
    4 (frz.) Er ist sehr liebenswürdig und
    naiv.
    5 (frz.) Ein kleiner Hof.

20
    »Nun, Prinzessin, da bringe ich Ihnen auch Dolly, mit der Sie so gern zu reden wünschten«, sagte Anna, als sie
    mit Darja Alexandrowna auf die große steinerne Terrasse hinaustrat, wo die Prinzessin Warwara im Schatten an einem
    Stickrahmen saß und an einem Sesselbezug für den Grafen Alexei Kirillowitsch arbeitete. »Sie sagt, sie wolle vor
    dem Mittagessen nichts genießen; aber lassen Sie nur doch etwas zum Frühstück herbringen, und ich werde unterdessen
    Alexei suchen und sie alle herholen.«
    Die Prinzessin Warwara empfing Dolly freundlich und etwas gönnerhaft und begann ihr sofort auseinanderzusetzen,
    sie habe sich bei Anna deshalb zu längerem Aufenthalte niedergelassen, weil sie immer eine größere Zuneigung zu ihr
    gehabt habe als ihre Schwester Katerina Pawlowna (eben die, bei der Anna erzogen worden war); und jetzt, wo sich
    alle von Anna losgesagt hätten, halte sie es für ihre Pflicht, ihr in dieser besonders schweren Zeit des Überganges
    behilflich zu sein.
    »Sobald ihr Mann in die Scheidung willigt, kehre ich wieder in meine Einsamkeit zurück; aber jetzt kann ich hier
    nützlich sein und erfülle meine Pflicht, so schwer es mir auch wird; ich mache es eben nicht wie andere Leute. Und
    wie lieb von dir, daß du hergekommen bist; daran hast du wirklich ein gutes Werk getan! Sie leben völlig wie

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