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Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (German Edition)

Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (German Edition)

Titel: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Nassim Nicholas Taleb
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Entbehrung, und sie wird gegen die Bequemlichkeit der Städte ausgespielt, den dort grassierenden physischen und moralischen Verfall, das Geschwätz, die Dekadenz. Ein Stadtbewohner begibt sich in die Wüste, um sich zu reinigen, so wie Jesus Christus es tat, der vierzig Tage in der Wüste von Judäa aushielt, oder der heilige Markus in der ägyptischen Wüste. Sie stehen am Anfang einer langen Tradition der Askese. Irgendwann hatte sich in der Levante das Einsiedlertum wie eine Epidemie ausgebreitet; die eindrucksvollste Gestalt war wohl der heilige Simeon, der in Nordsyrien vierzig Jahre auf der Spitze einer Säule ausharrte. Die Araber übernahmen diese Tradition, sie entledigten sich ihrer Besitztümer, um sich der Stille, Kargheit und Leere der Wüste auszusetzen. Und natürlich gehörte das Fasten zwingend dazu; darauf komme ich später noch zu sprechen.
    Iatrogene Effekte in der Medizin gehen auf Wohlstand und Raffinesse zurück, nicht auf Armut und Schlichtheit, und sind das Produkt von einem Teilwissen, nicht von Unwissen. Das Ideal, seine Besitztümer wegzugeben und in die Wüste zu gehen, ist eine wirkungsvolle subtraktive Strategie im Stil der Via Negativa. Nur wenige sind sich darüber im Klaren, dass Geld seine eigene spezifische Iatrogenik hervorbringt – würden manche Menschen von ihrem Vermögen befreit, dann würde das ihr Leben vereinfachen und beträchtliche Vorteile in Form von gesunden Stressoren mit sich bringen. Ärmer sein hat also durchaus auch Vorteile, wenn man es richtig anstellt. Wir brauchen die moderne Zivilisation für viele Dinge, etwa für die Rechtsordnung und die Unfallchirurgie. Aber man male sich doch nur einmal aus, wie viel besser es uns mit der subtraktiven Methode ginge, der Via Negativa , die unser Wohlbefinden steigert, indem sie uns abhärtet: keine Sonnencreme, keine Sonnenbrille (wenn Sie braune Augen haben), keine Klimaanlage, kein Orangensaft (nur Wasser), keine glatten Oberflächen, keine Softdrinks, keine ominösen Pillen, keine laute Musik, keine Personenaufzüge, keine Entsafter, keine … schon gut, ich höre auf.
    Wenn ich Fotografien von meinem Freund Art De Vany betrachte, dem Urheber und Übervater der Paläo-Lebensweise, der mit seinen über siebzig Jahren noch äußerst fit ist (sehr viel fitter als die meisten Menschen, die dreißig Jahre jünger sind als er), und wenn ich Bilder dieser birnenförmigen Milliardäre Rupert Murdoch oder Warren Buffett oder anderer Männer derselben Altersgruppe danebenhalte, dann kommt mir unweigerlich folgender Gedanke. Tiefer und sorgloser Schlaf, ein ruhiges Gewissen, gegenseitige Dankbarkeit, Abwesenheit von Neid, guter Appetit, starke Muskeln, physische Energie, häufiges Lachen, keine einsamen Mahlzeiten, keine Termine im Fitnessstudio, eine Arbeit (oder ein Hobby), zu der auch ein gewisses Maß an körperlicher Anstrengung gehört, eine gute Verdauung, keine Konferenzzimmer, periodische Überraschungen – wenn wahre Gesundheit sich durch diese Merkmale definieren lässt, dann ist sie zum größten Teil subtraktiv (und besteht in der Entfernung iatrogener Effekte).
    Religion und naiver Interventionismus
    Eine Religion verfolgt verborgene Absichten, die jenseits dessen liegen, was engstirnige wissenschaftliche Wissenschaftler erkennen – eine dieser Absichten besteht darin, uns vor der Wissenschaftlichkeit, also vor eben jenen Wissenschaftlern zu beschützen. Auf manchen Gräbern steht geschrieben, dass Menschen Brunnen oder sogar Tempel für ihren bevorzugten Gott errichten ließen, nachdem dieser ihnen in Situationen half, wo die Ärzte gescheitert waren. Nur selten erkennen wir unter den Segnungen der Religion den Umstand, dass sie den Interventionsirrtum und seine schädlichen Nebenwirkungen begrenzt: In sehr vielen Fällen (bei leichteren Krankheiten) wird Ihnen alles helfen, was Sie davon abhält, zum Arzt zu gehen, und Sie stattdessen ermächtigt, nichts zu tun (und damit der Natur die Möglichkeit gibt, ihre Arbeit zu machen). Wenn es sich nicht um schwere Verletzungen, um Unfallfolgen oder Ähnliches handelt, wenn vielmehr nur kleinere Krankheiten, Anflüge von Unwohlsein vorliegen (also, um es noch einmal zu sagen, in all jenen Fällen negativer Konvexität, bei denen das Risiko iatrogener Effekte größer ist als der Nutzen einer ärztlichen Behandlung), ist es sicher hilfreich, eine Kirche (oder einen Apollo-Tempel) aufzusuchen. Immer wieder stößt man in Tempeln auf Inschriften mit dem Grundtenor:

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