Artus-Chroniken 1. Der Winterkönig
würde, ließ mich zögern. Dann rief mir plötzlich eine Stimme eine Warnung zu, ein Stein kam aus dem Gestrüpp am Hang links von mir geflogen und schlug krachend neben mir auf den Weg. Die Warnung lockte einen ganzen Schwarm zerlumpter Kreaturen aus den Hütten, die nachsehen wollten, wer sich der Siedlung näherte. Die Gruppe setzte sich aus Männern und Frauen zusammen, fast alle in Lumpen, doch manche trugen ihre Lumpen mit stolzer Würde und kamen mir entgegen, als wären sie die mächtigsten Monarchen der Welt. Auf die Haare hatten sie sich Kränze aus Seetang gedrückt. Ein paar der Männer trugen Speere, und fast alle hielten Steine in der Hand. Einige von ihnen waren nackt. Auch Kinder gab es unter ihnen, kleine, verwilderte, gefährliche Kreaturen. Einige der Erwachsenen zitterten unkontrollierbar, andere zuckten, und alle musterten mich mit glänzenden, gierigen Augen.
»Ein Schwert!« sagte ein riesiger Mann. »Ich will das Schwert!
Ein Schwert!« Eilig kam er auf mich zugeschlurft, und seine Leute folgten ihm auf bloßen Füßen. Eine Frau warf einen Stein, und gleich darauf kreischten sie plötzlich alle laut vor Freude, weil sie wieder mal eine Seele ausrauben konnten. Ich zog Hywelbane, aber kein einziger von ihnen, weder Mann noch Frau, noch Kind, ließ sich vom Anblick der langen Klinge abschrecken. Dann lief ich davon. Es konnte keine Schande sein, wenn ein Krieger vor den Toten floh. Ich lief die Straße entlang zurück, und ein Hagel von Steinen ging hinter meinen Fersen nieder. Dann sprang mich ein Hund an und verbiß sich in meinem grünen Mantel. Mit dem Schwert schlug ich den Hund von mir. Ich erreichte die Biegung der Straße, wo ich nach rechts rannte und mich durch Dornengestrüpp und Buschwerk zum Berghang vorarbeitete. Plötzlich ragte ein Wesen vor mir auf, ein nacktes Wesen mit dem Gesicht eines Mannes und dem behaarten, verdreckten Körper einer Bestie. Ein Auge dieses Wesens eiterte, und sein Maul war ein schwarzes Loch mit faulendem Zahnfleisch. Es stürzte sich auf mich, und seine ausgestreckten Hände wirkten durch die langen, gekrümmten Nägel wie Klauen. Hywelbane traf schnell und sicher. Ich schrie vor Entsetzen, fest überzeugt, einem Dämon der Insel gegenüberzustehen, doch mein Instinkt war noch genauso scharf wie meine Klinge, die den behaarten Arm des Wesens durchschnitten hatte und tief in seinen Schädel gedrungen war. Ich sprang über ihn hinweg und kletterte den Hang empor. Hinter mir wußte ich die ganze Horde ausgehungerter Seelen. Ein Stein traf mich im Rücken, ein anderer fiel auf den Felsboden neben mir, aber ich kletterte hastig über die Säulen und Plattformen der herausgebrochenen Steine, bis ich auf einen schmalen Pfad stieß, der sich, wie die Pfade auf Ynys Trebes, um die rauhe Flanke des Hügels wand.
Auf dem Pfad wandte ich mich zu meinen Verfolgern um. Sie zögerten, endlich von dem Schwert eingeschüchtert, das sie auf diesem schmalen Pfad erwartete, auf dem sie sich mir nur einzeln nähern konnten. Der große Mann grinste
heimtückisch. »Netter Mann«, schmeichelte er, »komm herunter, netter Mann!« Dabei hielt er ein Möwenei hoch, um mich in Versuchung zu führen. »Komm essen!«
Ein altes Weib hob die Röcke und reckte mir ihre Lenden entgegen. »Komm zu mir, Geliebter! Komm zu mir, Liebling!
Ich wußte, daß du kommen wirst!« Dann begann sie zu pissen. Ein Kind lachte und warf einen Stein.
Ich ließ sie zurück. Einige folgten mir den Pfad hinauf, nach einer Weile aber wurde es ihnen zu langweilig, und sie kehrten in ihr Geisterdorf zurück.
Der schmale Pfad lief zwischen Himmel und Meer dahin. Hier und da wurde er von einem alten Steinbruch unterbrochen, wo noch die Spuren der römischen Werkzeuge auf den Quadern zu erkennen waren, nach jedem Steinbruch aber wand sich der Pfad weiter durch Thymiangebüsch und Dornengestrüpp. Ich sah keine Menschenseele, bis mich plötzlich in einem kleinen Steinbruch eine Stimme ansprach. »Ihr seht nicht aus, als wärt Ihr wahnsinnig«, stellte die Stimme zweifelnd fest. Als ich mich mit erhobenem Schwert umdrehte, sah ich einen vornehmen Herrn in dunklem Mantel, der mich mit ernster Miene vom Eingang einer Höhle aus beobachtete. Er hob die Hand. »Aber bitte! Keine Waffen! Meine Name ist Malldynn, und ich grüße Euch, Fremdling, wenn Ihr in Frieden kommt. Wenn aber nicht, bitte ich Euch weiterzugehen.«
Ich wischte das Blut von Hywelbane und stieß es in die Scheide zurück. »Ich komme in
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