Auf ewig und einen Tag - Roman
Rollstuhl.
Gillian und ich sahen uns an, dann begann Gillian, mit ihrer Bluse die Armlehnen des Rollstuhls zu säubern.
»Hör auf, Gillian«, sagte Eve. »Du bist zu reinlich. Richtige Kinder sind nicht so reinlich.«
Darauf runzelte Gillian die Stirn und erwiderte: »Du bist nicht gescheitert, Mom.«
Eve schenkte ihr ein übertrieben strahlendes Lächeln. »Lass uns heimgehen«, sagte sie. »Ich finde, wir könnten alle eine Dusche vertragen.«
Zu Hause in der Küche wusch ich Arme und Gesicht an der Spüle und hörte das Prasseln des Wassers von Eves Dusche. Mit nassen Händen starrte ich auf das Telefon und wusste plötzlich, was ich zu tun hatte. Was ich tun musste. »In Ordnung«, flüsterte ich, als ich nach dem Hörer griff. »In Ordnung.«
Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen würde. Was sagte man Großeltern, die man zehn Jahre nicht mehr angerufen hatte? »Immer noch am Leben, ha?« oder »Vielleicht erinnert ihr euch nicht mehr an mich, aber …«
»Hallo?« Georgias Stimme klang unglaublich alt.
»Georgia?« Meine Tonlage war zu hoch, ich hörte mich ängstlich an. Ich konzentrierte mich auf das quietschende Geräusch, als Eve den Hahn abdrehte. »Es ist lange her. Hier ist Kerry.«
Schweigen. Ich umklammerte den Hörer fester. »Barnard. Kerry Barnard.«
»Mein Gott«, antwortete sie schließlich. »Es ist wirklich lange her.«
»Ich ruf nur an, weil ich ein paar Dinge wissen muss. Dinge, die nur du mir sagen kannst.« Es klang schrecklich, als ich das sagte. Ich rief sie nicht an, um mich zu entschuldigen, weil ich ihnen aus dem Weg gegangen war oder weil ich mich nach ihnen erkundigen wollte, sondern um irgendwelche Informationen über jemanden aus ihnen herauszuquetschen, der sich einen Dreck um uns scherte.
»Wie bitte?«, fragte Georgia.
»Über meine Mutter. Sie hat irgendwas Schlimmes getan, und du weißt zumindest einen Teil davon. Daddy hat dir davon erzählt.«
»Tut mir leid, ich weiß nicht, wovon du sprichst.« Sie klang so weit entfernt und so schwach. Ich stellte sie mir mit Hängebacken
vor, blass, mit einer Haut wie ein gerupfter Truthahn, das Haar zu einem staubigen Grau verblichen.
»Es ist wichtig, Georgia, bitte. Wenn es etwas gibt, was sie getan hat, einen Grund, warum sie uns verlassen hat, hab ich ein Recht darauf, das zu erfahren.«
Georgia schwieg eine Weile. Ich hörte ihren Atem an meinem Ohr. »Deine Mutter war keine gute Frau, Kerry«, sagte sie schließlich. »Das ist alles, was du wissen musst. Sie war sehr schön, ganz außergewöhnlich schön sogar, aber sie war kein guter Mensch.«
Ich setzte mich auf einen Stuhl und wartete.
»Hör zu, Kerry, es gibt nichts über sie, was du wirklich wissen musst. Du weißt, dass sie deinen Vater zerstört hat. Sie hat ihn verschlungen und dann ausgespuckt. Der Mann, an den du dich erinnerst, war nicht der, den ich aufgezogen habe.«
Was sollte ich damit anfangen? Wie sollte ich mich fühlen? »Na schön«, sagte ich. Ich musste ihr nicht glauben. Vermutlich sollte ich das auch nicht. Ein Sohn bringt sich um oder stirbt an einem dummen Unfall, und seine Mutter braucht jemanden, dem sie die Schuld dafür in die Schuhe schieben kann.
»Und wie geht’s dir?«, fragte sie.
Ich nickte. »Gut, mir geht’s gut.«
»Wir denken an dich, Schatz, weißt du.« Ihre Stimme brach ab, sie hustete und fuhr dann lauter fort: »Wir hatten natürlich Kontakt zu Abigail Caine, selbst nachdem du weg warst von der Insel, und außerdem hab ich mehrmals Eve angerufen, Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen, aber nie einen Rückruf bekommen. Also meinte Bert, es wäre euch wahrscheinlich lieber, wenn ich nicht mehr anrufen würde.«
Sie klang so freundlich, so großmütterlich. Wie hatte ich sie bloß in meiner Vorstellung zu einer herzlosen Person machen
können? »Es tut mir leid. Ich wünschte, es wäre zwischen uns allen besser gelaufen.« Meine Stimme brach ab, als mir plötzlich klar wurde, dass sie eigentlich nichts erfahren durfte. Ich holte tief Luft, dann sprudelte es aus mir heraus. »Eve ist krank.«
»Ach? Das ist schade.«
»Nein, ich meine, sie ist sehr krank, Georgia. Sie stirbt.«
Durch den Hörer drang ein scharrendes Geräusch, offensichtlich setzte sie sich. »Mein Gott.«
»Sie hat Krebs, Eierstockkrebs. Vor ein paar Monaten hat sie die Behandlung abgebrochen, und es geht ihr nicht so gut. Ich dachte, das solltest du wissen.«
»Ach, Kerry, mein Gott, so jung? Wir müssen was tun, Bert und ich,
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