Aus der Welt
sein?«
»Ich war schon immer nett.«
Dagegen ließ sich nichts sagen. Trotz seiner Schrullen und Merkwürdigkeiten war Theo im Grunde seines Herzens ein unheimlich lieber Kerl – und einer, der offensichtlich gut mit meinen Schrullen und meinen ständigen Selbstzweifeln umgehen konnte. Vielleicht gehört es zu den größten Überraschungen, dass es Momente gibt, in denen man plötzlich über der Verunsicherung und dem Kampf steht, der unser Dasein bestimmt. Das kommt zwar nur selten vor – aber ich nahm es wenigstens wahr und war zumindest zeitweise in der Lage, die an mir nagende innere Stimme gründlich zu ersticken.
Selbst die Geburt meiner Tochter beschwor nicht die »Götterdämmerung« herauf, vor der ich mich so gefürchtet hatte. Im Gegenteil, es war eine Geburt wie aus dem Bilderbuch. Am Morgen des 24. Juli stand ich auf, um mir einen Tee zu machen, und spürte plötzlich, wie eine verräterische Flüssigkeit an meinen Beinen hinunterlief. Ich ging einfach zurück ins Schlafzimmer und sagte zu Theo: »Wir müssen aufstehen – meine Fruchtblase ist gerade geplatzt.«
Obwohl er sich nach einem Fritz-Lang-Marathon gerade erst vor zwei Stunden schlafen gelegt hatte, war er im Nu hellwach und vollständig angezogen. Er nahm meinen Bademantel für mich mit sowie die Tasche, die er als Kontrollfreak bereits Wochen zuvor für mich gepackt hatte. Wir schafften es in weniger als einer Stunde quer durch die ganze Stadt nach Brigham in die Frauenklinik. Innerhalb einer Stunde wurde ich aufgenommen, untersucht, verkabelt und bekam eine PDA . Vier Stunden später war Emily auf der Welt.
Es ist schon merkwürdig, dass man pressen soll, wenn die gesamte untere Körperhälfte gefühllos ist. Es ist merkwürdig, in den Spiegel zu schauen, der strategisch günstig vor den ansonsten bedeckten Beinen platziert wurde, und zuzusehen, wie dieses blutige Etwas langsam aus einem herausgezogen wird. Aber das Merkwürdigste ist der Moment, in dem man von dem Baby befreit wird – und das Baby von seiner Mutter – und dieses winzige, verschrumpelte Geschöpf zum ersten Mal in den Arm nehmen darf. Dann spürt man eine Mischung aus einer unglaublichen, bedingungslosen Liebe und verzweifelter Angst. Die sofortige Liebe ist überwältigend – denn es ist nun mal das eigene Kind. Aber die Angst ist ebenfalls enorm: Angst, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Angst, das Kind nicht glücklich machen zu können. Angst, es zu enttäuschen. Einfach Angst, es nicht zu schaffen.
Aber dann fängt das Baby an zu schreien, und man zieht es an sich. Inmitten der Euphorie und Erschöpfung, soeben ein Kind geboren und die schöne neue Welt des Mutterseins betreten zu haben, macht sich ein anderer Gedanke breit: Ich werde versuchen, das Beste für dich zu tun.
Zum Glück hatte Theo die Geburt nicht gefilmt, wie er es vorher angedroht hatte. Als ich Emily im Arm hielt (wir hatten uns schon lange vor ihrer Geburt für diesen Namen entschieden), ging er neben mir in die Hocke, strich über ihren Kopf, drückte meine Hand und flüsterte seiner neugeborenen Tochter zu: »Willkommen im Leben.«
Dann versicherte er mir noch einmal, wie sehr er mich liebte. Und ich ihm, wie sehr ich ihn liebte.
Erst viel später wurde mir klar, dass es das letzte Mal war, dass wir diese Worte zueinander sagten.
5
Momentaufnahmen aus Emilys ersten anderthalb Lebensjahren:
Wir bringen sie aus dem Krankenhaus nach Hause, und ich wache die ganze Nacht an ihrem Bettchen, aus lauter Angst, ihr könnte etwas zustoßen.
Ich entdecke, dass der zahnlose Gaumen meiner Tochter aus Kruppstahl ist, wenn er sich um meine Brustwarze schließt.
Emily entdeckt zum ersten Mal, wie lecker Eiscreme schmeckt. Als ich ihr im Alter von acht Wochen einen winzigen Teelöffel Vanilleeis gebe, reagiert sie – nach dem ersten Schreck über die Kälte – mit einem strahlenden Lächeln.
Koliken halten mich fast zwei Wochen lang die ganze Nacht wach und lassen mich völlig verzweifeln, während ich an jedem einzelnen dieser vierzehn Tage von Mitternacht bis zum nächsten Morgen auf und ab laufe, um sie in den Schlaf zu wiegen, und dabei kläglich versage.
Nach drei Monaten Mutterschaftsurlaub fange ich wieder an zu arbeiten, muss Emily das erste Mal in der Kinderkrippe abgeben und rechne mit heftigem Protestgeschrei … aber meine Tochter bewältigt diese Umstellung mit heiterer Gelassenheit.
Ich kaufe Emily ein klassisches Set Bauklötze, die mit den Buchstaben des Alphabets
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