AZRAEL
Gedanken in den letzten sechs Jahren bestimmt hatte.
Er sah instinktiv die beiden gewaltigen Barockengel über dem Portal an, und im Grunde fiel ihm erst jetzt auf, wie groß sie waren und wie drohend und finster. Bisher war ein Engel für ihn stets etwas Positives gewesen (sah man einmal davon ab, daß er nicht an deren Existenz glaubte) - ein Beschützer, ein Wächter, ein Freund. Aber das waren die Engel aus den Kindergeschichten. Für die meisten Menschen blieben sie dies ihr Leben lang, aber manchmal begannen sie sich zu verändern und mutierten zu etwas, das ihrer ursprünglichen Bedeutung wahrscheinlich näherkam, als die meisten ahnten.
»Azrael...« murmelte er ganz leise, wobei ein nur angedeutetes, bitteres Lächeln auf seinen Lippen erschien. Mit Sicherheit war es kein Zufall, daß Löbachs Killerdroge damals genau diesen Namen bekommen hatte, sondern ein Wortspiel, an dem er vermutlich lange herumgebastelt und seinen infantilen Spaß daran gehabt hatte. Er fragte sich, ob Löbach seiner Erfindung wohl den gleichen Namen gegeben hätte, hätte er geahnt, auf welch schreckliche Weise er Wahrheit werden sollte.
»Wie bitte?« fragte Bremer.
Mark sah hoch und registrierte erst jetzt, daß er das Wort laut ausgesprochen hatte - allerdings wohl nicht laut genug, um es Bremer wirklich verstehen zu lassen. »Nichts«, sagte er hastig. »Ich war... in Gedanken.«
Aus einem Grund, den er selbst nicht ganz nachvollziehen konnte, wäre es ihm unangenehm, Azrael Bremer gegenüber zu erwähnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte der Polizeibeamte mit diesem Wort gar nichts anfangen können, allenfalls, daß ihm seine biblische Bedeutung geläufig wäre. Aber er wollte nicht über dieses Thema sprechen. Schon gar nicht mit Bremer - obwohl ihm der Mann im Grunde sympathisch war. Mark war nicht sicher, ob er wieder aufhören konnte, wenn er einmal damit anfing, über seine Visionen zu reden. Vorhin in Gegenwart seines Vaters und des Arztes jedenfalls hatte er es nicht gekonnt.
Bremer öffnete die Tür und machte eine einladende Geste. »Es wird bei mir nicht allzu lange dauern«, sagte er, als Mark an ihm vorbeiging. »Wenn Sie wollen, nehme ich Sie nachher wieder mit zurück in die Stadt.«
Plötzlich grinste er. »Falls wir wieder auf den BMW stoßen, könnte ich einen guten Copiloten gebrauchen. Möglicherweise muß jemand aus der Tür heraus schießen, während ich lenke - nur für den Fall, daß es sich um Agenten einer ausländischen Macht handelt.«
»Warum nicht gleich um Außerirdische?« fragte Mark böse. Bremers Grinsen erlosch abrupt, und Mark ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei und steuerte den Empfang an, an dem er heute morgen die junge Lernschwester getroffen hatte. Er bedauerte seine eigene Grobheit beinahe; Bremer hatte nur einen Scherz machen wollen, aber er haßte es nun einmal, wie ein Kind behandelt zu werden.
Statt Schwester Beate tat nun eine ältere Frau in einem grauen Kostüm hinter dem Empfang Dienst. Ihr Haar war zu einem strengen Knoten zusammen- und hochgebunden, und ihr Gesicht hatte einen harten Zug, der es älter erscheinen ließ, als es vermutlich war. Obwohl Mark als erster den Empfang erreichte, sah sie ihn kaum an, sondern blickte zu Bremer hinüber. Mark mußte sich zweimal übertrieben räuspern, ehe sie sich dazu herabließ, ihm wenigstens einen Teil ihrer Aufmerksamkeit zu schenken.
»Bitte?« fragte sie mit einer Stimme, die ebenso grau und streng klang, wie ihr Gesicht aussah.
»Mein Name ist Sillmann«, sagte Mark. »Mark Sillmann. Ich möchte gerne meine Mutter besuchen. Sie ist Patientin hier.«
Die Schwester sah ihn eine Sekunde lang vollkommen ausdruckslos an und verlagerte ihre Aufmerksamkeit dann wieder zu Bremer, der mittlerweile herangekommen war. »Und was kann ich für Sie tun?«
Ihre Besucher zum Beispiel der Reihe nach abfertigen, dachte Mark verärgert, aber er sparte es sich, das auszusprechen. Bremers Uniform gab ihm eine Autorität, gegen die er ohnehin nicht ankam.
Bremer tauschte einen bezeichnenden Blick mit Mark, nannte aber dann seinen Namen und zog völlig überflüssigerweise noch einen in Plastik eingeschweißten Dienstausweis aus der Jacke, den er der Schwester reichte, ohne ihn jedoch aus der Hand zu geben. Sie prüfte ihn sorgfältig und notierte sich etwas auf einem Blatt Papier, wahrscheinlich Bremers Namen und Dienstnummer, vermutete Mark.
»Und was führt Sie hierher, Herr Polizeiobermeister?« fragte sie.
»Es geht um
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