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Back to Blood

Back to Blood

Titel: Back to Blood Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Wolfe
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raus in dieses Industriegebiet Richtung Doral«, sagte der Bürgermeister. »Da verirrt sich kein Mensch hin, da werden nur Koksöfen repariert und Baumaschinen gewartet.«
    »Und was soll er da draußen machen?«
    »Was weiß ich … im Streifenwagen rumfahren, die Bürger beschützen.«
    »Aber das wäre eine Degradierung«, sagte der Chief.
    »Warum?«
    »Weil er so angefangen hat. Er war Streifenpolizist. Die Marine Patrol ist eine Spezialeinheit. Er kann nicht degradiert werden. Damit geben wir zu, wir haben einen Fehler gemacht, und der Officer hat Mist gebaut. Er hat aber nichts falsch gemacht. Es ist alles nach Vorschrift gelaufen, ganz normal … bis auf eins.«
    »Und das wäre?«, fragte der Bürgermeister.
    »Officer Camacho hat sein Leben riskiert, um das Leben eines anderen zu retten. Genau besehen ist er ein Held.«
    »Schon«, sagte der Bürgermeister. »Aber man hätte den Kerl gar nicht zu retten brauchen, wenn der Officer nicht versucht hätte, ihn zu packen.«
    »Auch wenn Sie dieser Meinung sind, es war trotzdem eine Heldentat. Er hat in zwanzig Meter Höhe die Beine um den Kerl geschlungen und sich dann Faust an Faust an dem Tau bis ganz nach unten gehangelt. Tja — das wird Ihnen nicht gefallen, aber wir müssen Officer Camacho die Tapferkeitsmedaille verleihen.«
    »Was!?«
    »Jeder weiß, dass er sein Leben riskiert hat, um den Mann zu retten. Die ganze Stadt hat zugeschaut. Alle seine Kollegen bewundern ihn, durch die Bank. Sie halten ihn alle für einen tapferen Mann, aber natürlich würden sie das nie sagen — das ist tabu. Wenn er die Medaille nicht bekommt, dann wittert jeder sofort Politik.«
    »Jesus Christus!«, sagte der Bürgermeister. »Und wo soll die Verleihung stattfinden? Etwa im großen Saal vom Freedom Tower?«
    »Nein … das kann man in aller Stille erledigen.«
    Der Kommunikationsdirektor Portuondo schaltete sich ein. »Das läuft so: Man gibt am Tag nach der Zeremonie eine Presse erklärung heraus mit allen möglichen Bekanntmachungen, Belobigungen, Beschlüssen zur Verkehrsführung, völlig egal, und irgendwo weiter unten, an achter Stelle oder so, taucht dann die Auszeichnung von Officer Camacho auf. Reine Routine.«
    »Okay. Trotzdem müssen wir noch dafür sorgen, dass der Bursche unsichtbar bleibt. Wie soll das gehen, wenn man ihn nicht mehr auf Streife schicken kann?«
    »Bleibt nur eine horizontale Versetzung«, sagte der Chief. »Zu einer anderen Spezialeinheit. Dazu zählen die Marine Patrol, da ist er jetzt, das CST — Crime Suppression Team, das SWAT -Team, das —«
    »Hey!«, sagte der Bürgermeister. »Wie wär’s mit der Berittenen Polizei! Die sieht man nur im Park, sonst nie. Klar, setzt den Burschen auf ein Pferd!«
    »Geht nicht«, sagte der Chief. »Das nennt man eine horizontale Versetzung mit Haken . Auf einem Pferd im Park … das wäre in einem Fall wie diesem zu offensichtlich.«
    »Haben Sie eine bessere Idee?«, fragte der Bürgermeister.
    »Ja!«, sagte der Chief. »Das SWAT -Team. Das ist die größte Machotruppe von allen, weil die immer in der Schusslinie stehen. Die meisten sind jung, so wie Officer Camacho, man muss körperlich in Bestform sein. Das Training — dazu gehört übrigens auch, dass man aus dem sechsten Stock auf eine Matratze springen muss … eine Matratze. Wenn du dich nicht traust, war’s das, kein SWAT -Team. Man muss jung sein, um so was unverletzt zu überstehen, aber das ist nicht alles. Wenn man älter wird, passt man ein bisschen besser auf seine Knochen auf. Ich hab das hundertmal erlebt. Du wirst älter, du steigst auf, du wirst besser bezahlt, der Ehrgeiz juckt dir in den Fingern. Alle deine Instinkte sagen dir, ›Du bist jetzt zu kostbar, du hast zu hart gearbeitet, um so weit zu kommen, du hast eine strahlende Zukunft vor dir. Wie kannst du das alles aufs Spiel setzen und etwas derart Bescheuertes tun und aus dem sechsten Stock … auf eine Scheißmatratze springen?‹« Der Chief sah, dass sie ihm gespannt zuhörten, Dionisio Cruz, der Pressefritze Portuondo und der kleine kahle Stadtdirektor. Sie schauten ihn mit großen naiven Jungenaugen an. »Von da oben, wenn man vom Dach eines sechsstöckigen Gebäudes auf die Matratze runterschaut … sieht das verdammte Ding so groß aus wie eine Spielkarte, und genauso dünn. Wenn ein älterer Mann da oben steht und runterschaut, fängt er an sich über ein paar letzte Dinge Gedanken zu machen … wie sie in der Kirche sagen.« Jawoll! Jetzt hatte er die drei

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