Back to Blood
Er wagte es, den Kopf ein paar Zentimeter anzuheben. Diesmal war es furchtbar, aber nicht unmöglich. Er schaffte es, seine Beine über die Sofakante nach außen zu bewegen und sich aufzusetzen … und senkte den Kopf hinunter zwischen die Oberschenkel, damit etwas mehr Blut in seinen Kopf strömen konnte. Dann hob er den Kopf wieder an, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte die Hände auf die Augen. Er wollte nichts mehr sehen von diesem winzigen, stinkenden, strohgelben Zimmer. Er wollte gar nichts tun, aber er wusste, es half nichts, er musste es irgendwie ins Badezimmer schaffen.
Er stöhnte laut auf, einzig aus dem Grund, sich selbst dabei zuhören zu können, wie elend und paralysiert er sich fühlte. Er stöhnte noch mal. Dann hörte er Schritte. Der Fußboden knarzte. Was für eine Bruchbude … Andererseits hatte er nicht mal eine Bruchbude.
»Guten Morgen. Buenos días. Wie geht’s Ihnen?«
Da stand John Smith … in der Tür zum Bad. Nestor hob den Kopf gerade so weit an, dass er ihn von Kopf bis Fuß sehen konnte. Der americano stand da und war so americano angezogen, dass es zum Ärgern war … die Khakihose so akkurat gebügelt, dass man sich an der Bügelfalte in den Finger schneiden konnte … das blaue Button-down-Hemd, am Hals zwei Knöpfe offen, mit an jedem Arm exakt um zwei Manschettenlängen aufgekrempelten Ärmeln … alles so … so … Hätte Nestor das Wort preppy gekannt und verstanden, hätte er gewusst, warum ihn der Anblick so aufregte.
Aber er sagte nur, »Beschissen … aber ich schätze, ich werd’s überleben …« Er schaute John Smith fragend an. »Ich dachte, Sie wären schon zur Arbeit gefahren.«
»Nun ja, da ich vorhabe, eine Geschichte über Sie zu schreiben, bin ich wohl gerade bei der Arbeit. Ich dachte mir, ich warte wenigstens noch, bis Sie aufwachen.«
Da ich vorhabe, eine Geschichte über Sie zu schreiben. In seinem labilen Zustand traf Nestor der Gedanke wie ein Stromschlag. Sein Mut sank. Was hatte er getan? Warum hatte er dem Kerl letzte Nacht … diesen ganzen Scheiß erzählt? War er verrückt? … all diese intimen Dinge? Er verspürte den Drang, die Sache abzublasen — jetzt sofort! Aber dann dachte er sich, dass er dann vor dem americano wie ein Schwächling dastehen würde … erst stülpte er sein Innerstes nach außen und breitete es zur Prüfung vor ihm aus, und dann knickte er ein … schüttete ihm großmäulig vier Stunden lang sein Herz aus, und jetzt, verkatert, mit brummendem Schädel … fing er an zu jammern und zu betteln, »Ich nehme alles zurück! Bitte, bitte, ich war betrunken, das ist alles! Das können Sie mir nicht antun! Haben Sie Mitleid! Erbarmen!« — und das, die Furcht, als Schwächling, Jammerlappen und Angsthase dazustehen, war jetzt mehr als alles andere der Grund, dass er den Mund hielt … die Furcht, als Angsthase dazustehen! Das allein hielt Nestor Camacho davon ab … seinen Bedenken nachzugeben.
»Schließlich muss Sie jemand zu Ihrem Wagen zurückfahren«, sagte der americano . »Das sind leicht zehn Kilometer, und ich bin mir nicht sicher« — er senkte eine Augenbraue und verzog die Lippen zu einem leicht spöttischen Lächeln — »ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sie sich noch daran erinnern, wo der steht.«
Das stimmte. Nestor konnte sich nur noch an eine Bar erinnern, die eine ziemlich glamouröse Lightshow hatte … Lichter, die von unten die Schnapsflaschen anstrahlten und hellbraun, bernsteingelb und lohfarben aufleuchten ließen und sich an den geschwungenen Flaschenkörpern in tausend winzigen Lichtblitzen brachen. Er konnte nicht sagen, warum, aber die Erinnerung an das schimmernde Tableau hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn.
John Smith schlug vor zu frühstücken. Aber der Gedanke, irgendetwas Festes herunterzuschlucken, löste bei Nestor Ekel aus. Er begnügte sich mit einer Tasse schwarzem Instant kaffee. Gottallmächtiger, was für dünnen Kaffee tranken die americanos .
Dann saßen sie in John Smiths Volvo und fuhren zum Isle of Capri. John Smith hatte so recht. Als er in der Nacht aufgewacht war und auch, als er sich schließlich von der Couch erhob, hatte er sich nicht daran erinnern können, wo er seinen Wagen abgestellt hatte.
Sie fuhren zur Jacinto Street und bogen dann in die Latifondo Avenue ein … und je länger er darüber nachdachte, desto mehr war er davon überzeugt, dass John Smith ein guter Mensch war. Gestern Abend hatte ihn der americano aufgelesen … von der
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