Back to Blood
Chief segnete ihn mit einem großmütigen Lächeln und schenkte ihm ein »Hi, Champ!«.
Es folgten schnell hintereinander noch ein »Hey, Chief«, ein »Hallo, Chief!«, dann ein »Hi, Cy!« — die Abkürzung für Cyrus, seinen Vornamen — und ein »Wie wär’s mit hitzefrei, Cy!«, da war er noch nicht mal am Eingang. Den Bürgern schien es Spaß zu machen, ihre Ehrerbietung in einen Reim mit Cy zu verpacken. Sein Nachname, Booker, war wohl zu viel für ihre poetischen Fähigkeiten, was in seinen Augen auch ganz gut so war. Die Versuche könnten sonst leicht in Gespött oder eine rassische oder persönliche Beleidigung abgleiten … hooker, spooker, kooker, mooker … Ja, war schon ganz gut so …
Der Chief sagte »Hi, Champ!« … »Hi, Champ!« … »Hi, Champ!« und »Hi, Champ!«.
Ehrerbietung! Der Chief war exzellenter Laune an diesem Morgen. Der Bürgermeister hatte ihn ins Rathaus bestellt für eine kleine … »Strategiebesprechung« … wegen dieses Marine Patrol Officers Nestor Camacho und dieser Mann-auf-dem-Mast-Geschichte. Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das nur ihm selbst galt, niemandem sonst. Das würde sicher amüsant werden, dem guten alten Dionisio dabei zuzuschauen, wie er sich wand. Immer wenn es um Angelegenheiten ging, die ungünstig für den Bürgermeister liefen oder ihn auf die Palme brachten, dann nannte der Chief ihn im Geiste bei seinem richtigen Namen, Dionisio Cruz. Der Bürgermeister hatte alles Menschenmögliche getan, dass ihn die ganze Welt ganz einfach Dio nannte, so wie William Jefferson Clinton Bill und Robert Dole Bob genannt worden waren. Der Bürgermeister glaubte, Dionisio, der fünfsilbige Name, den er mit dem griechischen Gott des Weines und der Lustknaben gemeinsam hatte, sei für einen Politiker zu viel des Guten. Er war nur knapp eins siebzig groß, hatte eine üppige Wampe, aber er strotzte vor Energie, hatte die sensibelste Antenne im Politikbetrieb, eine laute Stimme und sprühte vor selbstgefälliger guter Laune, mit der er einen rammelvollen Saal begeistern und sich mit Haut und Haaren einverleiben konnte. Mit alldem konnte der Chief gut leben. Er machte sich keine Illusionen über die Erfordernisse des politischen Tagesgeschäfts. Er war nicht der erste afroamerikanische Polizeipräsident von Miami, sondern der vierte. Er machte sich keine Sorgen um die afroamerikanische Wählerschaft, die war nicht ausschlaggebend. Sorgen machten ihm … Unruhen.
1980 war ein kubanischer Polizist angeklagt worden, einen in Gewahrsam befindlichen afroamerikanischen Geschäftsmann ermordet zu haben … indem er auf den schon am Boden liegenden Mann einprügelte, bis dessen Schädel aufplatzte und das Gehirn zu sehen war. Zwei kubanische Kollegen des Polizisten sagten vor Gericht gegen ihn aus. Sie seien bei der Tat anwesend gewesen und nannten ihn als Täter. Aber eine ausnahmslos weiße Jury befand ihn für unschuldig, und er ver ließ das Gerichtsgebäude als freier Mann. Daraufhin brachen in Liberty City die schlimmsten Unruhen in der Geschichte Miamis und vielleicht des ganzen Landes aus, das Gemetzel dauerte vier Tage. In der Folge kam es in den Achtzigerjahren und darüber hinaus zu einer Serie von Unruhen. Ein Fall nach dem anderen landete vor Gericht, in denen kubanische Polizisten Afroamerikaner getötet hatten. Liberty City, Overtown und andere afroamerikanische Viertel wurden zu brennenden Lunten, und die Bombe ging immer hoch. Die letzten Unruhen hatte es erst vor zwei Jahren gegeben. Danach hatte Dio Cruz den stellvertretenden Polizeichef Cyrus Booker zum Chief befördert. Kapiert? Keiner von unseren, einer von euren Leuten ist der Boss im Polizeipräsidium.
Das war ein ziemlich durchsichtiges Manöver. Zur gleichen Zeit gab es im Präsidium fünf stellvertretende Polizeichefs, die Afroamerikaner waren — und der Bürgermeister nahm … mich . Der Chief hatte sich dafür entschieden zu glauben, dass Dio Cruz ihn aufrichtig mochte und bewunderte … aufrichtig.
Aber an diesem Morgen war es Gott sei Dank sein Kumpel und Bewunderer Dionisio höchstpersönlich, der von seinen eigenen Leuten in die Mangel genommen wurde. Normaler weise passierte das ihm, dem Chief. Wenn er mit Außenstehen den redete, in der Regel Weißen, gingen die meist stillschweigend davon aus, dass die Schwarzen — »die afroamerikanische Gemeinde« lautete die derzeit korrekte Bezeichnung, die Weiße aussprachen, als würden sie dabei über die Scherben von explodierten
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