BAD BLOOD - Gesamtausgabe: Die Saga vom Ende der Zeiten (über 3000 Buchseiten!) (German Edition)
Oder... wann?
Die Sonne, die vom Himmel brennt, sieht unverändert aus. Doch sie scheint die einzige Konstante zu sein, das einzige, was noch so ist, wie es war, als ich in den magischen Korridor trat.
Wo hat das dunkle Tor mich ausgespien?
Hier stehe ich im Schatten eines Baumes inmitten einer Alptraumlandschaft. Wüste sehe ich nicht, soweit das Auge reicht. Und der Baum, von dem ich sprach, ist blattlos und kahl, seine Rinde sieht aus wie mit einer Schlammkruste überzogen, welche die Tageshitze zu einem harten, schwarzen Panzer buk.
Unweit erheben sich Strukturen, die einmal Häuser gewesen sein müssen.
Viele Häuser. Eine Stadt. Ehe sich die Schlammlawine darüber gewälzt hat...
Mich friert.
War mein Wagemut am Ende ganz umsonst? In welcher Sackgasse bin ich angelangt? Das hier, ich spüre und begreife es mit einem Schlag, ist
zu weit
– so weit zurück in der Zeit zu gehen, macht keinen Sinn! Hier werde ich nicht finden, wen ich suche. Selbst wenn ich einen von der Art meines Vaters träfe, er würde mich nicht einmal als sein Kind erkennen. Entsprechend sinnlos wäre eine Warnung vor Geschehnissen in fernster Zukunft...
Nein, so weit zurück, das macht wahrhaftig keinen Sinn! Aber warum? Wieso führte bereits das
erste
Tor, auf das wir stießen, so weit ins Gestern? Ein paar Jahre, auch Jahrzehnte habe ich einkalkuliert. Aber... Jahrhunderte, gar
Jahrtausende...?
Ich kann meinen Blick nicht wenden von der Stadt, die aussieht, als hätte sie auf dem Grund eines Ozeans geschlummert, dessen Wasser nun ins Nirgendwo versickert sind.
WO BIN ICH?
Langsam drehe ich mich um meine Achse und suche nach vertrauten Bildern an einem Ort, der in mir nur Grausen hinterlässt.
Dann plötzlich – höre ich Stimmen. Sie hallen aus der nahen Stadt zu mir herüber, aus dem Gestank ihrer schattigen Gassen. Algenreste an den Häuserwänden sehen aus wie Krätze.
Mich überläuft es heiß und kalt.
Die Stimmen... Ich
weiß
, wem sie gehören, doch bevor ich ihnen aufgewühlt folge, meldet sich mein Verstand zu Wort und verlangt von mir, die Stelle, an der ich stehe, zu untersuchen. Den Punkt, an dem ich
herausgetreten
bin aus einem diesseits unsichtbaren Tor.
Ist eine Rückkehr in den Korridor für alle Zeit verwehrt? Oder vermag der, der ihn verlässt, auch wieder in ihn zurückzukehren, um seine Wanderschaft fortzusetzen?
Zwar ist ein Tor, beschaffen wie jenes, durch das ich ging, nirgends zu erblicken. Aber neben mir erhebt sich ein Felsklotz, der meine Aufmerksamkeit erregt.
Die Stimmen mehren sich, während ich darauf zugehe. Wissen strömt mir zu. Allmächtiger Vater...
Nicht viel höher als ich selbst, ragt der Gesteinsbrocken aus dem rissigen Boden. Schwüle Hitze umgibt mich. Salziger Wind zerrt an meinem Gewand...
Einen Moment habe ich Mühe, mich an mich selbst zu erinnern. An meine Herkunft und die Absicht, die ich mit meinen Brüdern und Schwestern verfolge. Ich war der Macht, die uns dem Grab entriss, nie ferner als hier und jetzt, das spüre ich mit jeder Faser meines Seins!
Ich taste über rauen Stein, während in meinem Hirn ein Chaos tobt, geschürt noch von den Stimmen.
Plötzlich versinken meine Hände in scheinbar festem Stein wie in einem nachgiebigen Morast.
Ich vermissen die Genugtuung über meine Entdeckung. Bis zu den Ellbogen schiebe ich die Arme in den Stein, ehe ich sie zurückhole.
Hier – hier an dieser Stelle gibt es ein Nadelöhr, das zurück in den endlos scheinenden Korridor führt, in den wir bei Uruk marschiert sind.
Ich wende mich der Stadt zu. Der Fels ist markant, ich werde ihn wiederfinden.
Noch bevor ich die ersten Häuser erreiche, kommen sie mir entgegen: die, die ich hier nie erwartet hätte – genau wie sie mich nicht.
»Jada!«, ruft Natan mir zu und winkt.
Die Gesichter meiner Geschwister sind Spiegel meiner eigenen Verwirrung.
»Wie konnte das geschehen?«, rinnt es aus meinem Mund. Ich weiß, dass sie keine Antwort für mich haben. Sie wissen es auch nicht. Ein jeder von ihnen, das wurde mir längst klar, schritt zu einem
anderen
Tor des Korridors und ging hindurch. Wie kann es dann aber sein, dass wir uns hier alle am selben Punkt der Zeit wiedertreffen?
Es widerspricht dem, was wir über dieses Phänomen zu wissen glaubten. Es widerspricht allem und durchkreuzt auch den letzten Rest von Hoffnung...
»Diese Stadt«, sagt Gideon, »ist tot. Weder Mensch noch Tier leben darin.«
»Uruk«, murmele ich. »Es ist Uruk in ferner Vergangenheit... Wie
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