BAD BLOOD - Gesamtausgabe: Die Saga vom Ende der Zeiten (über 3000 Buchseiten!) (German Edition)
später bewies sie wieder, dass sie auch praktisch denken konnte.
Effektiver vielleicht als er!
"Wen meintest du eben mit 'sie'? Die Hexe, die durch ihre bloße Nähe tötet?“, fragte sie, und in ihrer Stimme glomm ein Hoffnungsschimmer, den Justus beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Zugleich umklammerten ihre Finger sein Handgelenk mit einer Gewalt, dass er fast aufgeschrien hätte.
"Ja!“, gab er rau zurück. "Aber ich wüsste nicht..."
"Was haben wir zu verlieren? Los, komm! Vielleicht können wir Feuer mit Feuer bekämpfen..."
Sie zog ihn auf das Schluchzen zu. Nach einer Weile, in der Justus immer wieder hinter sich lauschte, wo er den unmenschlichen Verfolger wähnte, blieb sie stehen, und er hörte mehrere Riegel zurückschnappen.
Eine Tür schwang auf, und dahinter...
Der Kerker!
Es gab einen Gang direkt in das Verlies der Burg! Justus glaubte seinen Augen nicht zu trauen.
Andererseits war der Grund dafür nachvollziehbar. Wenn Graf Slavata sich seine Gespielinnen unter den Gefangenen gewählt hatte, war eine Verbindung zum Kerker mehr als nützlich für ihn. So hatte er seine Opfer holen und wieder zurückbringen können, ohne dass auch nur die Wachen es bemerkt hatten. Und je weniger Menschen von seinen Untaten wussten, desto besser...
Trotz der auch hier herrschenden Dunkelheit war die Frau auf der Pritsche so deutlich zu erkennen, als wäre sie eingewoben in eine strahlende Korona – einen Schein, vor dem Justus regelrecht zurückprallte, weil er nicht vergessen hatte, was über dieses Geschöpf erzählt wurde.
"Vorsicht!"
Anna schien keine Angst zu kennen – zumindest ließ sie sich nicht davon beherrschen.
Etwas, das kein Erbarmen kannte, war ihnen auf den Fersen!
Anna hatte recht: Was hatten sie zu verlieren?
Nichts!
Dumpf verfolgte Justus, wie das Mädchen ohne Zögern zur Pritsche eilte, auf der die beklemmend schöne Frau saß, die etwas in einer Sprache hervorstieß, der weder Justus noch Anna mächtig waren.
Anna rüttelte an den Ketten, die man der Hexe angelegt hatte – dann hörte Justus sie fluchen: "Ohne Werkzeug ist da nichts zu machen... Verdammt! Aber vielleicht wird
es
schon aufgehalten, wenn wir einfach die Tür offenstehen lassen..."
Schneller als er ihren Gedankensprüngen folgen konnte, war sie bereits wieder bei ihm und drängte ihn zurück auf den Gang.
Dem flehend ausgestreckten, leuchtenden, nun fast wieder durchscheinenden Arm der Gefangenen, die Anna festzuhalten versuchte, schenkten sie keinen Blick mehr.
"Wohin jetzt?“, seufzte Justus.
"Nicht weit von hier ist ein weiterer geheimer Gang. Wenn
es
sich ein wenig hier aufhält, können wir es schaffen", flüsterte Anna. "Sind wir erst einmal im Korridor..."
Justus leistete keinen Widerstand, zumal "Es" jetzt ganz nahe zu sein schien.
Die Schritte verstummen.
Doch dann tritt jemand zu mir, dessen Gang lautlos ist.
Eine Hand greift nach mir, umspannt mein Kinn.
Ich schaudere, weil ich die Anwesenheit von jemandem fühle, ohne auch nur einen Schemen von ihm zu erkennen. Ich höre nicht einmal Atem. Aber ich spüre diese Berührung in meinem Gesicht, zart wie ein Schmetterlingsflügel.
Für eine Ewigkeit, die eine Sekunde dauert, scheint die Welt in vollkommenem Gleichgewicht. Seit ich mich hier wiedergefunden habe, ist es das erste Mal, dass ich mich von Grund auf wohl fühle.
Etwas fällt klirrend zu Boden. Meine Fesseln?
Ich – begreife nicht.
Dann verlässt mich die Berührung, und ich erhebe mich von meinem Lager, an das mich nichts mehr bindet.
Ich bin wieder allein.
Aber meine Zweifel sind geschwunden.
Dort vorn, an der Tür, beginnt eine Spur... eine Spur, die ich zu lesen vermag, als hätten kleine dumme Tiere ihre Fährten in weichen Sand getreten, damit der hungrige Räuber ihnen auch ja gut zu folgen vermag.
Und jener hungrige Jäger, dem nach allem giert, was menschliche Uhren am Ticken hält, dieser nach ihrer
Lebenszeit
hungernde und dürstende Vampir...
... bin
ich
!
Epilog
Das Wesen, das aus einer Ziege geschlüpft war und sich bereits einmal gespalten hatte, folgte der transparenten, nymphenhaften Frau in einem Abstand, der jederzeit zu überschauen war.
Es hatte die Weichen gestellt. Die Welt würde anders aussehen nach diesem Tag, andere Wege beschreiten, als sie es getan hätte, wäre Hieronymus Neruda, der Besonnene und Feind aller Gewalt, nicht von etwas heimgesucht worden, das stärker und vorausschauender war als er.
Stärker als
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