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Bis ich dich finde

Bis ich dich finde

Titel: Bis ich dich finde Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John Irving
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Mrs. Adkins zu berühren, weil Mrs.
Machado ihm gezeigt hatte, wie er das tun mußte. Mrs. Adkins fragte ihn nie,
woher er, der Dreizehnjährige, wußte, wo er sie berühren mußte.
    Vielleicht hätte sie eine Tochter haben sollen, dachte Jack einmal,
als sie ihm ihre liebste Samtjacke anzog. (Zum Spaß steckte sie Zitronen in die
Halbschalen des BH s – sie hatte selbst recht
kleine Brüste.) Später, viel später sollte Jack erfahren, daß Mrs. Adkins und
ihr Mann einen Sohn gehabt und verloren hatten. Der Tod des Jungen war der
Grund für die Aura ständiger [390]  Traurigkeit, die Jack so zu ihr hingezogen
hatte, auch wenn ihm das zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewußt war.
    »Mir gefällt es sehr, wenn du meine Sachen anhast«, sagte sie nur.
    Nachdem sie Jack in der siebten Klasse die Rolle der Mildred Douglas
in Eugene O’Neills Der haarige Affe gegeben hatte,
gefiel er ihr als Mildred so sehr, daß sie im nächsten Jahr perverserweise die
Rolle von Mildreds streitsüchtiger Tante mit ihm besetzte. In diesem Jahr,
seinem letzten in Redding, prüfte Mrs. Adkins, wenn Jack im Dunkeln in ihren
Armen lag, sein gutes Gedächtnis. Mit der heiseren Stimme des Heizers in Der haarige Affe sagte sie: »Sie werden Öl und Dreck
abkriegen. Da kann man nichts machen.«
    Jack-als-Mildred rieb sich an ihr und erwiderte: »Das macht nichts.
Ich habe viele weiße Kleider.« Sie gehörten allesamt ihr – jedes Kleid, das er
an einem Theaterabend getragen hatte, war zuvor von Mrs. Adkins getragen
worden. Jack fühlte sich überaus wohl darin.
    Außer bei Wettkämpfen bekam Jack nur selten Gelegenheit, Redding
zu verlassen. Nach Toronto war es weit, und so verbrachte er das lange
amerikanische Thanksgiving-Wochenende in Boston – eigentlich im benachbarten
Cambridge – bei seinem Zimmergenossen Noah. Nach Toronto fuhr Jack zu
Weihnachten und in den völlig unpassend benannten Frühjahrsferien im März oder
April, wenn es in Toronto kaum frühlingshafter als in Maine war. (In Maine war nie Frühling.)
    Doch als Ringer bekam er eine Menge von Neuengland zu sehen. Einmal
fuhr Clum mit ihnen in den Staat New York, wo sie an einem Turnier teilnahmen,
in dessen Verlauf sogar Loomis unterlag. Es war das einzige Mal, daß Jack ihn
einen Kampf verlieren sah, doch Loomis sollte noch mehr verlieren als Eltern
und Schwester. Er flog später von der Blair Academy, weil er die [391]  minderjährige Tochter eines Schiedsrichters geschwängert hatte. Er schlug
das Angebot eines Ringer-Stipendiums für ein College aus und meldete sich
freiwillig zur Sondereinsatztruppe der Marine. Irgendwo auf den Philippinen
wurde er schließlich erstochen, entweder im Verlauf einer gefährlichen
Geheimaktion oder aber als betrunkener Randalierer in irgendeiner Bar – der
Täter war jedenfalls angeblich ein Stricher und Transvestit.
    In der Ringermannschaft war Loomis Jacks Vorbild. Als Ringer war
Jack nie so gut wie Loomis, auch wenn er in seinen letzten beiden Jahren in
Redding mehr Kämpfe gewann als verlor.
    Wenn am Theaterabend jemand Fotos von Jack gemacht hätte, dann hätte
er das gemerkt, doch ob ihm jemand beim Ringen zusah oder dabei Fotos von ihm
machte, merkte er nicht – er hätte das Klicken des Kameraverschlusses oder die
Geräusche des Publikums gar nicht gehört. Wenn Jack einen Kampf begann, vergaß
er sogar sein Einmannpublikum. Bei einem Ringkampf ist es so: Entweder man
beherrscht den Gegner, oder man verliert; man kämpft in einem leeren Raum, es
gibt kein Publikum. Und nachdem Loomis Redding verlassen hatte, wurde Jack zum
Mannschaftskapitän ernannt und trug zum ersten Mal in seinem Leben
Verantwortung.
    Auch im Mannschaftsbus war er der Kapitän. Seine Kameraden schliefen
oder furzten – oder sie machten im Schein von Taschenlampen Hausaufgaben und
furzten. (Sie waren angewiesen, den Busfahrer so wenig wie möglich abzulenken.)
    Manchmal erzählte Jack auf dem Rückweg nach Redding Geschichten. Er
erzählte die Geschichte, wie ihn der kleinste Soldat von allen aus dem
Kastelsgraven gezogen hatte; er erzählte auch, wie er Ingrid Moes Brust
verbunden hatte, nachdem seine Mutter sie tätowiert hatte. Er erzählte von
Saskias Armreifen und davon, wie schrecklich einer ihrer Freier sie verbrannt
hatte, doch er erzählte nicht, wie seine Mutter in ihrem Eifer, einem jungen [392]  Mann in Amsterdam Ratschläge zu geben, ihre Perlenkette zerrissen hatte. Und
natürlich kein Wort über Mrs. Machado.
    Jack prahlte, seine

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